Von Alexander Mertes, Lyn E. Pleger, Caroline Brüesch und Andrea Hochstrasser

Das Institut für Verwaltungs-Management (IVM) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat in Zusammenarbeit mit dem Verein Zürcher Gemeindeschreiber und Verwaltungsfachleute (VZGV) und der Staatskanzlei des Kantons Zürich zum Thema «Digitale Dienstleitungen in der öffentlichen Verwaltung» eine Studie verfasst.

Die Ergebnisse einer Befragung von 987 Personen aus rund 23’000 eingeladenen Haushalten in vier Zürcher Gemeinden zeigen, dass diese Befragten insgesamt mit den aktuell angebotenen digitalen Dienstleistungen (im Folgenden eServices) zufrieden sind, jedoch auch ein deutlicher Bedarf nach vermehrten eServices besteht. Insgesamt stossen eServices auf eine grosse Unterstützung und Akzeptanz in der Zürcher Bevölkerung.

Im Hinblick auf die Präferenzen bei der Ausgestaltung von eServices zeigt sich, dass die digitale Bereitstellung als solche für die Befragten zentral ist. Hingegen fällt die Präferenz und Unterstützung von eServices durch die Verwaltung je nach den untersuchten sieben Merkmalen (Registrierung, Infrastruktur, Kommunikation, Datensicherheit und Datenschutz, Bearbeitungsstatus, Zeitaufwand, Preis) unterschiedlich aus.

Dem Merkmal Zeitaufwand wird von den Befragten die geringste Wichtigkeit beigemessen. Was jedoch für die Beurteilung bzw. die Präferenz von eServices als sehr wichtig identifiziert werden konnte, sind zum einen das Merkmal Datensicherheit und Datenschutz und zum anderen der Preis für den Bezug von eServices.

Hinsichtlich Datensicherheit und Datenschutz deuten die Ergebnisse zudem darauf hin, dass deren Bedeutung als umso grösser eingestuft wird, je vertraulicher die Daten eingestuft werden. Im Hinblick auf den Preis zeigen die Ergebnisse, dass Preiserhöhungen als besonders negativ bewertet werden und Preisreduktionen im Verhältnis als weniger attraktiv beurteilt werden.

Die Ergebnisse aus den Workshops und aus den offenen Rückmeldungen offenbaren seitens der Befragten und Teilnehmenden an den Workshops einerseits ein Interesse zur Mitwirkung, anderseits eine besonders grosse Sorge wegen möglichem Identitäts- und Datendiebstahl sowie dem Missbrauch der eigenen Daten im Allgemeinen. Letzteres ist auch vor dem Hintergrund, dass die Ergebnisse der Befragung ein hohes Vertrauen der Teilnehmenden in den Staat offenbaren, zentral.

Basierend auf den Ergebnissen der Conjoint-Analyse lassen sich Handlungsempfehlungen für die Praxis dahingehend ableiten, welche Merkmale und Merkmalsausprägungen in der Konzeption von öffentlichen Dienstleistungen aus Sicht der Bevölkerung besonders wichtig und welche vernachlässigbar sind.

Handlungsempfehlungen:

  1. Grundsätzlich erwartet die befragte Bevölkerung staatliche Dienstleistungen in digitaler Form. Staatliche Dienstleistungen sollten zukünftig deshalb zusätzlich in digitaler Form angeboten werden.
  2. Parallel zum Ausbau von eServices auf allen staatlichen Ebenen ist der «analoge» Kanal für staatliche Dienstleistungen in geeigneter Form und unter Berücksichtigung von Effizienz und Effektivität sicherzustellen.
  3. Beim Kommunikationskanal sollte ein Fokus auf die Portale für elektronische Behördengeschäfte gelegt werden.
  4. Besondere Bedeutung für die Bewertung von eServices durch die befragte Bevölkerung haben die Datensicherheit und der Datenschutz. Je sensibler die bei eServices verwendeten Daten sind, desto höhere Anforderungen werden von der Bevölkerung an die Datensicherheit und den Datenschutz gestellt.
  5. Eine Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für eServices besteht nicht bzw. eine Preiserhöhung würde bei gewissen eServices auf Ablehnung stossen.
  6. eServices werden von der Bevölkerung nicht mit der Annahme verbunden, dass damit ein Zeitgewinn einhergeht. Zeitgewinne, welche aufgrund effizienter Prozesse erzielt werden können, sind transparent zu kommunizieren.
  7. Die befragte Bevölkerung bevorzugt eine digitale Kommunikation mit den Behörden gegenüber einem analogen Kommunikationskanal. Allfällig höhere Anforderungen an diese digitale Kommunikation ergeben sich insbesondere aufgrund der Erwartungen der Bevölkerung an die Datensicherheit und den Datenschutz.
  8. Der Bearbeitungsstatus von eServices ist für die Nutzerinnen und Nutzer transparent zu gestalten («Tracking»).
  9. Die Bevölkerung ist bei der Gestaltung von eServices aktiv einzubinden.

Schwerpunkt zum Thema "Digitale Verwaltung"

Lyn E. Pleger,  Alexander Mertes: Use and Assessment of E-Voting Systems: Findings from an Online-Survey among Swiss Nationals Living Abroad (Text)

Jonas Schmid, Martin Urben, Adrian Vatter: Cyberföderalismus in der Schweiz: Befunde zur Digitalisierung kantonaler Verwaltungen (Text)

Peter Ringeisen, Andrea Bertolosi-Lehr, Labinot Demaj: Automatisierung und Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung: digitale Verwaltungsassistenten als neue Schnittstelle zwischen Bevölkerung und Gemeinwesen (Text)

Kevin C. Andermatt, Ramon A. Göldi: Introducing an Electronic Identity: The Co-design Approach in the Canton of Schaffhausen (Text)

Andreas Kellerhals: Open Government Data – ein Beitrag zur Digitalisierung von Demokratie und öffentlicher Verwaltung (Text)

Simone Dietrich, Aline Stoll , Caroline Brüesch: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – Einflussfaktoren für die Entwicklung von Smart Government in der Schweiz auf subnationaler Ebene (Text)

Ali A. Guenduez, Sebastian Singler, Tobias Tomczak, Kuno Schedler, Moritz Oberli: Smart Government Success Factors (Text)

Aktuelle Themen aus der Verwaltungswissenschaft - Open Track

Adeline Demaurex, Claus Jacobs: La légitimation du changement stratégique: Étude de la restructuration du réseau de La Poste Suisse (Text)

Die Erfindung der modernem Zeitungsdruckmaschine, des Telegrafen und der Eisenbahn krempelten Gesellschaft und Wirtschaft von Grund auf um. Sie führten zu Wirtschaftswachstum aber auch zu sozialen Missständen und politischen Spannungen. Gleichzeitig wurde erst dank diesen Technologien die Durchführung von regelmässigen, überregionalen Urnenabstimmungen praktisch durchführbar.

In diesem Kontext genehmigten die stimmberechtigten Zürcher 1869 eine neue Kantonsverfassung. Damit wurden weltweit erstmals die direktdemokratischen Verfahren Volksinitiative und Referendum institutionalisiert. Andere Kantone zogen nach, auf Bundesebene wurde das Gesetzesreferendum 1874 und die Volksinitiative 1891 eingeführt.

Seither sind diese Instrumente in regem Gebrauch und haben die politischen Institutionen, Kultur und Ausrichtung der Schweiz massgeblich geprägt. Abgesehen von der Einführung der brieflichen Stimmabgabe 1994 hat seit diesen Anfängen für die Bürgerinnen und Bürger technologisch auf den ersten Blick kaum etwas geändert.

Erst bei näherer Betrachtung fallen zahlreiche Veränderungen auf: Wir unterschreiben Volksbegehren nicht mehr am Samstag auf der Strasse, sondern drucken das entsprechende Formular zuhause aus und legen es unterschrieben in den nächsten Briefkasten.

Nur noch eine Minderheit liest Zeitung auf Papier, die Mehrheit informiert sich via Radio, TV und vor allem Internet, wobei nicht mehr die traditionelle Presse, sondern soziale Medien im Mittelpunkt des Nachrichtenkonsums stehen. Auf Letztere verlagert sich zunehmend die politische Debatte. Die sozialen Medien sind es auch, die neben Suchmaschinen und E-Commerce-Anbietern den traditionellen Medienhäusern die Werbeeinahmen streitig machen und Journalisten darben lassen.

Auf anderen Online-Plattformen können auf der Grundlage eines individuellen Profils und mit Hilfe von Algorithmen persönliche Wahl- und Abstimmungsempfehlungen generiert werden. Und seit 2004 sind über 200 Tests mit E-Voting durchgeführt worden. Da bei solchen Volksbefragungen immer noch Zugangscodes per Papierpost verschickt werden müssen, ist allerdings nicht nur der Begriff E-Voting irreführend, sondern auch der Zusatznutzen im Vergleich zum brieflichen Abstimmungskanal begrenzt.

Die aktuelle Debatte bezüglich der Weiterentwicklung unserer Demokratie wird durch ein Thema dominiert: die Vertrauenswürdigkeit von elektronischen Abstimmungen. Wir erachten diese Debatte als legitim und wichtig. Gleichzeitig sind wir auch überzeugt, dass der Zeitpunkt gekommen ist, die Digitalisierung des gesamten demokratischen Prozesses in Angriff zu nehmen.

De facto findet diese bereits heute statt – allerdings weitgehend auf Plattformen, die kommerziellen Interessen gehorchen. Diese befeuern die Gewinnmaximierung und nicht den eigentümlichen zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Deshalb überrascht es nicht, dass wir uns nun mit der Frage auseinandersetzen, ob intransparente Algorithmen – im Zusammenspiel mit Internet-Trollen und Fake News – unseren freien Willen manipulieren.

Wenn wir unsere Demokratie stärken wollen, müssen wir die neuen Technologien so einsetzen, dass sie einen demokratischen und rechtsstaatlichen Mehrwert schaffen. Insbesondere Ansätze, die auf Blockchain-Technologie und dem Open Source-Gedanken basieren, bieten sich hier an. Denn bei diesen ist Transparenz die oberste Maxime. Nur so ist Vertrauen in komplexe Systeme überhaupt denkbar.

Wir plädieren für den Aufbau einer umfassenden öffentlichen, digitalen Demokratie-Infrastruktur. Im Idealfall resultiert eine  integrierte Plattform, mittels derer Bürgerinnen und Bürger politische Anliegen artikulieren, sich informieren, diskutieren sowie rechtskräftig abstimmen und wählen können. Nur die öffentliche Hand kann eine solche Infrastruktur glaubwürdig anbieten und das Vertrauen in unsere politischen Institutionen auch im digitalen Zeitalter aufrechterhalten.

Damit kann erstens der Schutz unserer demokratischen Institutionen gewährleistet werden. Und zweitens wird es möglich, die demokratischen Institutionen weiterzuentwickeln, wie dies vor 150 Jahren mit der Einführung von Referendum und Volksinitiative geschehen ist.

Am 21. November 2018 organisiert die Procivis AG im Zürcher Trust Square eine Veranstaltung zum Thema “Eine digitale Infrastruktur für die Demokratie der Schweiz“. Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.

Über die Autoren:

Daniel Gasteiger, Gründer und CEO der Civic-Tech-Firma Procivis AG und Co-Gründer des Zürcher Blockchain-Hubs Trust Square

Dr. Rolf Rauschenbach, Politikwissenschaftler und Strategieberater bei Procivis AG, BCP AG und Vetri

Die aktuellen technologischen Entwicklungen durchdringen alle Bereiche unseres Lebens. Trends wie Blockchain, künstliche Intelligenz (KI) oder Internet der Dinge (IoT) eröffnen völlig neue Anwendungsmöglichkeiten, die weit über die bisherige Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien hinausgehen.

Diese technologische Entwicklung führt zu rasanten Veränderungsprozessen in verschiedensten Branchen. Während weite Teile der Privatwirtschaft mitten in grossen Veränderungsprozessen stehen, sieht sich die öffentliche Verwaltung noch am Anfang dieser Entwicklung; aber auch sie ist bereits gefordert.

Die SGVW liess deshalb an der Herbsttagung 2018 die direkt Betroffenen und die verantwortlichen Entscheidungsträger zu Wort kommen. Dabei ging es weniger um einzelne technologische Trends, sondern vielmehr um eine grundsätzliche Diskussion zur Rolle der Verwaltung in einer digitalisierten Gesellschaft und um die Frage, wie Verwaltungen und öffentliche Unternehmen in Zukunft ihre Leistungen erbringen sollen.

Mitwirkende an den Praxisworkshops

Von der Theorie zur Praxis

Andreas Bamert-Rizzo, Kanton Aargau

Titus Fleck, KSD

Daniel Gasteiger, Procivis AG

Marc-André Giger, KPMG

Peppino Giarritta, Kanton Zürich

Martin Kathriner, asut und Samsung Electronics

Referentinnen und Referenten

Fachexperten aus Wissenschaft und Praxis

Roman Beck, IT University of Copenhagen

Fathi Derder, Nationalrat

Diego Heinen, ZHAW-SML

Dirk Lindemann, ESTV

Alexander Mertes, IVM-ZHAW

Claudia Pletscher, Die Post

Oliver Schärli, SECO

Walter Thurnherr, Bundeskanzler

Die Herbsttagung zum Thema «Digitale Verwaltung» orientierte sich an den folgenden vier zentralen Fragestellungen:

  1. Welchen Einfluss hat der durch die Digitalisierung ausgelöste gesellschaftliche Wandel auf die Art und Weise der Leistungserbringung und der Zusammenarbeit?
  2. Welche Rolle spielt die Datensicherheit in der digitalen Verwaltung?
  3. Wie werden sich die Organisationformen und Aufgaben der öffentlichen Verwaltung verändern?
  4. Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft aus?

In mehreren Workshops wurden zudem weitere Fragestellungen mit Experten vertieft.

Die Tagung richtete sich an Angehörige der Verwaltungen von Bund, Kantonen und Städten sowie Gemeinden, an Verantwortliche für die digitale Transformationen in Verwaltungen sowie alle Führungskräfte, an Behörden (Exekutiven, Regulatoren) sowie an Personen aus Wissenschaft, Politik, Beratung, Medien und weitere interessierte Personen.

Bei Fragen und Anregungen zu den Aktivitäten der SGVW steht Ihnen die Geschäftsstelle ([email protected]) gerne zur Verfügung.

Montag, 14. Mai 2018

Wie sicher sind E-Government und E-Voting? Auf Einladung des Präsidenten der SGVW – Bundeskanzler Walter Thurnherr – diskutierten die zwei versierten Disputanten FDP-Nationalrat Marcel Dobler und asut-Präsident Peter Grütter diese umstrittene Frage.

 

Vor vollbesetzen Rängen gingen die zwei technologieaffinen Persönlichkeiten im Bernerhof der Frage nach, ob E-Voting in Zukunft ein fester Bestandteil der Schweizer Demokratie sein soll. Der Generalsekretär der SGVW – Lukas Gresch-Brunner – führte durchs Gespräch. Im Stil eines kultivierten Streitgesprächs wurden die jeweiligen Positionen verdeutlicht und Argumente ausgetauscht.

Nationalrat Marcel Dobler verwies gleich zu Beginn auf die hohe Bedeutung einer funktionierenden Demokratie, deren Entscheidungsprozess nicht durch eine überhastete Einführung von E-Voting gefährdet werden darf. Demokratie lebe schliesslich vom Vertrauen in die zugrundeliegenden Verfahren. Wenn E-Voting, dann gleich zu Beginn weg sicher und verlässlich.

 

Peter Grütter führte aus, dass gerade die Schweiz E-Voting als eine Chance sehen soll, die es lieber früher als später zu ergreifen gilt. In der Schweiz herrschen die besten Bedingungen für die Einführung von E-Voting. Schliesslich gibt es neben der Schweiz kaum ein Land, dass erfahrener im Umgang mit demokratischen Prozessen ist. Wie beim Trinkwasser, so soll auch beim Thema E-Voting den entsprechenden Experten Vertrauen geschenkt werden. Sicheres E-Voting sei schon heute machbar, so Peter Grütter.

 

Kritische Voten aus dem Publikum zeigten, dass auch unter den anwesenden Gästen die Meinungen bis zu Letzt geteilt waren. Und so wurden im anschliessenden Apéro das Für und Wider von E-Voting bis spät in den Abend weiterdiskutiert. Eins blieb bis am Ende unbestritten: Das kontroverse Thema E-Voting ist noch lange nicht vom Tisch.

Sie interessieren sich für die Digitalisierung im öffentlichen Sektor?

Am 3. September 2018 findet die Herbsttagung der SGVW zum Thema “Digitale Verwaltung” in Bern statt. Weiterführende Informationen zum Tagungsprogramm finden Sie in Kürze auf der SGVW-Wissensplattform.