Seit dem Aufkommen des Internets sind im Bereich der Gedächtnisinstitutionen (Museen, Archive, Bibliotheken) Veränderungsprozesse im Gange, die sich in sukzessiven Trends manifestieren. Dazu gehören beispielsweise die systematische Digitalisierung von Überlieferungsobjekten, die stärkere Vernetzung zwischen den Organisationen, die Ko-Produktion von Inhalten durch Nutzerinnen und Nutzer sowie die freie Verfügbarmachung von Daten und Inhalten im Internet. Nachfolgend sind die wichtigsten Ergebnisse im Hinblick auf die Umsetzung von Open Data und Crowdsourcing bei Schweizer Gedächtnisinstitutionen aufgeführt.

Gedächtnisinstitutionen im Wandel

Seit Beginn der 2000er Jahre unternehmen die Gedächtnisinstitutionen in Europa koordinierte Anstrengungen, um Überlieferungsobjekte und ihre Metadaten möglichst umfassend zu digitalisieren. Neben einer verstärkten Vernetzung unter den Institutionen zwecks Know-How-Austausch und Vermeidung von Doppelspurigkeiten entstehen in der Folge auch „Single-Point-of-Acces“-Angebote in Form von organisationsübergreifenden Katalogsystemen und virtuellen Bibliotheken [1], [2]. In der zweiten Hälfte der 2000er Jahre kommt der mit dem Aufkommen des Social Web einhergehende Trend zu vermehrten Interaktionsmöglichkeiten hinzu. Er manifestiert sich durch neue Formen der Personalisierung sowie durch einen stärkeren Einbezug der Nutzerinnen und Nutzer bzw. Besucherinnen und Besucher im Sinne einer Ko-Produktion. Zugleich rückt mit dem Aufstieg von Wikipedia, Flickr und ähnlichen Community-basierten Angeboten auch das kollaborative Erstellen und Zusammentragen von Inhalten im Internet vermehrt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Es kommt zur Zusammenarbeit zwischen Gedächtnisinstitutionen und Online-Communities sowie zur Lancierung von eigenständigen Crowdsourcing-Projekten durch einzelne Institutionen [3]-[5].

Die Wikipedia-Community, wie auch Flickr, entdecken ihrerseits die Gedächtnisinstitutionen als wichtige Partner und suchen seit einigen Jahren aktiv die Zusammenarbeit. Ab 2009 breitet sich ausgehend von den Vereinigten Staaten und Grossbritannien zudem die „Open Government Data“-Bewegung aus und erfasst binnen kürzester Zeit rund 50 Staaten weltweit. Ihre Forderung: Daten der öffentlichen Hand sollen in maschinenlesbarer Form für die Nutzung durch Dritte frei verfügbar gemacht werden. Neben einer staatspolitischen Vision von mehr Transparenz, Partizipation und Zusammenarbeit wird die „Open Government Data“-Bewegung auch von einer technisch-ökonomischen Vision getrieben: Durch die Verlinkung möglichst vieler „offener“ Datensätze soll das sogenannte „Semantische Web“ entstehen. Die Daten von Behörden und allenfalls auch Privatunternehmen werden damit zur frei zugänglichen Infrastrukturressource, die Dritten als Grundlage für Mehrwertdienste dient: für die Veredelung der Daten, zur Herstellung und Visualisierung von neuartigen Verknüpfungen von Daten und für andere datenbasierte Dienstleistungen. Die Verwendung von standardisierten „freien“ Urheberrechtslizenzen, welche die Veränderung und Weiterverbreitung der Werke auch für kommerzielle Zwecke erlauben, ist dabei zentral, da sie die Transaktionskosten für die Drittnutzung von Werken merklich reduzieren [6], [7].

Treibende Kräfte und Herausforderungen

Forschungsarbeiten zu Open Data unter Gedächtnisinstitutionen sind noch relativ spärlich; die bisherigen qualitativen Untersuchungen [8]-[11] lassen auf folgende treibende Kräfte und Herausforderungen schliessen: Einer der wichtigsten Gründe für die Öffnung der Daten ist die Tatsache, dass es zum Grundauftrag der meisten Gedächtnisinstitutionen gehört, ihre Bestände einem breiteren Publikum näher zu bringen. Durch die Erleichterung des Zugangs und die Nutzung zusätzlicher Kommunikationskanäle werden oftmals auch die Visibilität und die Relevanz der Institution in den Augen der Öffentlichkeit erhöht und es werden neue Nutzerinnen und Nutzer angezogen. Des Weiteren ergeben sich durch die Öffnung der Daten neue Möglichkeiten, die eigenen Daten mit Daten von Dritten zu verknüpfen und anzureichern. Zudem wird von positiven Auswirkungen auf die Kundenzufriedenheit und die Mitarbeitendenzufriedenheit berichtet.

Zu den Herausforderungen zählen der Kontrollverlust seitens der Institutionen, sowie die Angst, dass Daten und Inhalte missbräuchlich verwendet werden oder nicht korrekt dem Urheber bzw. der Institution zugeschrieben werden. Des Weiteren fürchten Gedächtnisinstitutionen Einnahmeausfälle, wobei häufig nicht das Wegbrechen bestehender Einnahmen im Vordergrund steht, sondern die Angst, dass jemand anders mit den Daten Geld verdienen könnte, ohne dass man selber daran mitverdient. Gewisse Institutionen nennen auch rechtliche Risiken als Hinderungsgründe, z.B. im Zusammenhang mit dem Schutz der Privatsphäre. Viele Inhalte dürfen zudem aus urheberrechtlichen Gründen oder aufgrund von Schenkungsbestimmungen nicht frei verfügbar gemacht werden. Weitere Herausforderungen betreffen die mangelnde Qualität der Metadaten, technische Herausforderungen im Zusammenhang mit der Publikation der Daten sowie der erschwerte Nachweis der Datennutzung, wenn die Daten zur freien Weiternutzung bereitgestellt werden.

Die Beweggründe, weshalb sich Institutionen für Crowdsourcing-Ansätze entscheiden, wurden mit Ausnahme einer Fallstudie zur Australischen Nationalbibliothek [12] bis anhin noch kaum untersucht. Es gibt aber eine Reihe von Inventaren von Crowdsourcing-Projekten im Kultursektor [13]-[18]. Auf der Grundlage solcher Inventare haben verschiedene Autoren Typologien entwickelt, so auch Oomen und Aroyo, welche je nach Fokus der Aufgabenstellung folgende Typen von Crowdsourcing-Ansätzen unterscheiden: Korrekturtätigkeiten, Klassifikation, Kontextualisierung, Co-Kuratierung, Ergänzung von Sammlungen sowie Crowdfunding [16]. Als typische Herausforderungen von Crowdsourcing werden die Motivation von Benutzern zur aktiven Beteiligung und die Förderung von qualitativ hochstehenden Beiträgen genannt [16] sowie die Tatsache, dass sich Institutionen nicht gewöhnt sind, gemeinsame Community-Ziele zu definieren und darauf hinzuarbeiten [14].

Stand Ende 2012 in der Schweiz

Um aufzuzeigen, wo die Schweizer Gedächtnisinstitutionen aktuell in Bezug auf Open Data / Open Content und Crowdsourcing stehen, wie sie die Chancen und Risiken dieser Trends einschätzen und worin sie ihren potentiellen Nutzen sehen, hat die Berner Fachhochschule Ende 2012 eine Pilotbefragung durchgeführt. Zur Teilnahme aufgefordert wurden rund 200 Deutschschweizer Gedächtnisinstitutionen von nationaler Bedeutung, von denen 72 den Fragebogen vollständig ausgefüllt haben.

 
Abbildung 1: Opportunität von Open Data (Chancen versus Risiken).

Aus den Ergebnissen geht hervor, dass erst einzelne Institutionen einen Open Data-Ansatz verfolgen. Es gibt allerdings Anzeichen, dass etliche Institutionen in der näheren Zukunft Daten offen verfügbar machen werden: Eine Mehrheit der befragten Institutionen hält Open Data nämlich für wichtig und ist der Ansicht, dass die Chancen grösser sind als die Risiken (siehe Abbildung 1). Es gilt allerdings noch eine Reihe von Hindernissen zu überwinden. Dazu zählen insbesondere die Vorbehalte der Institutionen gegenüber der „freien“ Lizenzierung von Inhalten sowie ihre Angst vor Kontrollverlust. Im Hinblick auf den breiten Einsatz von Crowdsourcing ist hingegen kein Durchbruch in Sicht: Während rund 10% der befragten Institutionen bereits mit Crowdsourcing-Ansätzen experimentieren, ist die Mehrheit der Institutionen bezüglich des Nutzens von Crowdsourcing skeptisch (siehe Abbildung 2). Die im Vergleich zu Open Data unterschiedliche Verbreitungs-Dynamik von Crowdsourcing dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die erfolgreiche Umsetzung eines Crowdsourcing-Projekts als komplexere Aufgabe wahrgenommen wird als die simple Publikation von Daten, dass die Vorteile von Crowdsourcing aus Sicht der Institutionen nicht auf der Hand liegen und dass der erfolgreiche Einsatz von Crowdsourcing bei vielen Organisationen einen grundlegenden kulturellen Wandel voraussetzt.

 
Abbildung 2: Opportunität von Crowdsourcing (Chancen versus Risiken).

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass die Umsetzung von Open Data im Bereich der Gedächtnisinstitutionen vor allem dem Bildungs- und Forschungsbereich sowie Privatpersonen (der allgemeinen Öffentlichkeit) zugutekommt. Darüber hinaus kann davon ausgegangen werden, dass offene Daten die Zusammenarbeit über Institutionsgrenzen hinweg erleichtern und die Visibilität der Institutionen und ihrer Sammlungen erhöhen. Überdies kann die Öffnung der Daten die Umsetzung von Linked Data sowie von Crowdsourcing-Ansätzen erleichtern. Dem Nutzen stehen allerdings auch Kosten gegenüber. So stellen denn auch der zusätzliche Arbeitsaufwand und die zusätzlichen Kosten mit Blick auf die Umsetzung von Open Data und Crowdsourcing für die Schweizer Gedächtnisinstitutionen die grösste Herausforderung dar. Der potentielle Verlust von Einkünften infolge der freien Lizenzierung von Daten und Inhalten spielt für die befragten Institutionen hingegen kaum eine Rolle.

Fazit und Ausblick

Die quantitative Erhebung ist eine wertvolle Ergänzung zu früheren qualitativen Studien. Die gewonnenen Erkenntnisse decken sich weitgehend mit jenen aus früheren Studien in anderen Ländern, mit dem Unterschied, dass für die befragten Schweizer Institutionen der potentielle Verlust von Einkünften im Zusammenhang mit der Öffnung der Datenbestände kaum eine Rolle spielt. Des Weiteren ist anhand der Umfrage klar zutage getreten, dass es bezüglich der „freien“ Lizenzierung von Daten und Inhalten noch einigen Aufklärungsbedarf gibt. Die Schweizer Pilotbefragung dient aktuell als Vorlage für eine internationale Vergleichsstudie, die es erlaubt, gewisse Analysen noch weiter zu vertiefen und insbesondere auch internationale Vergleiche anzustellen.

Zum Autor:
Beat Estermann ist am E-Government-Institut der Berner Fachhochschule tätig und absolviert am Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern ein Doktoratstudium.

Zur Studie:
Die Studie „Schweizer Gedächtnisinstitutionen im Internet-Zeitalter“ ist auf Deutsch und Englisch erhältlich.
Die Studienresultate wurden auch im Journal of Theoretical and Applied Electronic Commerce Research publiziert.

Referenzen

[1] European Commission, Information Society DG., and Salzburg Research (firm), The DigiCULT report: technological landscapes for tomorrow’s cultural economy: unlocking the value of cultural heritage: executive summary, Office for official publications of the European Communities, Luxembourg, 2002.
[2] Z. Manžuch, Monitoring digitisation: lessons from previous experiences, Journal of Documentation, vol. 65, no. 5, pp. 768-796, 2009.
[3] J. R. Christensen, Four steps in the history of museum technologies and visitors’ digital participation. MedieKultur. Journal of Media and Communication Research, vol. 27, no. 50, pp. 7-29, 2011.
[4] J. Oomen and L. Aroyo, Crowdsourcing in the cultural heritage domain: Opportunities and challenges, in Proceedings 5th International Conference on Communities & Technologies – C&T 2011, Brisbane, Australia, 2011, pp. 138-149.
[5] L. B. Phillips, The temple and the bazaar: Wikipedia as a platform for open authority in museums, Curator: The Museum Journal, vol. 56, no. 2, pp. 219-235, 2013.
[6] F. Bauer and M. Kaltenböck, Linked Open Data: The Essentials: A Quick Start Guide for Decision Makers, Austria: SEMANTIC-WEB COMPANY, 2011.
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[8] L. B. Baltussen, M. Brinkerink, M. Zeinstra, J. Oomen, and N. Timmermans, Open culture data: Opening GLAM data bottom-up, presented at The Annual Conference of Museums and the Web, Portland OR, USA, April 17-20, 2013.
[9] K. R. Eschenfelder and M. Caswell, Digital cultural collections in an age of reuse and remixes, American Society for Information Science and Technology, vol. 47, no. 1, pp. 1-10, 2010.
[10] K. Kelly, Images of Works of Art in Museum Collections: The Experience of Open Access A Study of 11 Museums. Washington DC: Council on Library and Information Resources, 2013.
[11] K. D. Crews, Museum policies and art images: Conflicting objectives and copyright overreaching. Fordham Intellectual Property, Media & Entertainment Law Journal, vol. 22, no. 4, pp. 795-834, 2012.
[12] S. Alam and J. Campbell, Dynamic changes in organizational motivations to crowdsourcing for GLAMs in Proceedings Thirty Fourth International Conference on Information Systems, Milan, 2013, pp. 1-17.
[13] L. Carletti, G. Giannachi, D. Price, and D. McAuley, Digital humanities and crowdsourcing: An exploration, presented at The annual Conference of Museums and the Web 2013, Portland OR, USA, April 17-20, 2013.
[14] R. Holley, Crowdsourcing: how and why should libraries do it?, D-Lib Magazine, vol. 16, no. 3/4, 2010.
[15] Nicholls, M. Pereira and M. Sani, The virtual museum, LEM The Learning Museum, Bologna, Technical Report 1, 2012.
[16] J. Oomen and L. Aroyo, Crowdsourcing in the cultural heritage domain: Opportunities and challenges, in Proceedings 5th International Conference on Communities & Technologies – C&T 2011, Brisbane, Australia, 2011, pp. 138-149.
[17] K. Smith-Yoshimura and C. Schein, Social Metadata for Libraries, Archives and Museums Part 1: Site Reviews. Dublin, Ohio: OCLC Research, 2011.
[18] M. Terras, Digital curiosities: resource creation via amateur digitization, Literary and Linguistic Computing, vol. 25, no. 4, pp. 425-438, 2010.