Ohne Innovationen gibt es keinen Fortschritt in der Gesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung. Sie forschen seit langem sowohl im öffentlichen als auch privaten Umfeld. Sehen Sie Unterschiede in den Innovationskulturen von Staat und Privatwirtschaft?

Durchaus. Für ein Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Umfeld ist die Innovationstätigkeit von existenzieller Bedeutung. Öffentliche Institutionen haben ein grösseres Beharrungsvermögen, ein vielfältigeres Zielsystem und bei der Umsetzung von Innovationen gibt es in aller Regel Einsprachen von verschiedenen Interessengruppen. Etwas salopp formuliert könnten wir in diesem Zusammenhang die „Einsprache“ als die fünfte Landessprache der Schweiz bezeichnen.

Vor welchen Herausforderungen steht die öffentliche Verwaltung in Sachen Personalmanagement? Welche Massnahmen sind dabei zu erwähnen?

Die öffentliche Verwaltung hat im Vergleich zu privaten Institutionen einen Rückstand in der strategischen Ausrichtung der Personalarbeit. Dies konnte mit der IOP-Dissertation von Kerstin Alfes statistisch belegt werden. Nachholbedarf gibt es auch im Bereich der systematischen Personalentwicklung (inkl. Potenzialbeurteilung und Laufbahnplanung). Schliesslich muss das Personalmarketing verbessert werden, d. h. die Darstellung der öffentlichen Verwaltung als attraktive Arbeitgeberin.

Inwiefern kann von einem „Krieg“ um Talente im öffentlichen Sektor gesprochen werden?

Die öffentliche Verwaltung steht natürlich an bestimmten Standorten (z. B. Bern) in intensivem Wettbewerb mit der Privatwirtschaft um Talente. Gerade deshalb ist darauf hinzuweisen, dass im öffentlichen Sektor herausfordernde und sinnstiftende Aufgaben zu erfüllen sind, die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen schon überdurchschnittlich realisiert wurde und insgesamt mehr Wert auf die Sozialverträglichkeit der Personalmassnahmen gelegt wird als in vielen Bereichen der Privatwirtschaft.

Derzeit wird bei Ihnen eine Dissertation zum Thema Trainee-Programmen geschrieben. Wie unterscheidet sich der öffentliche vom privaten Sektor bei den Trainees?

Explizite Trainee-Programme sind im öffentlichen Sektor deutlich weniger verbreitet als bei Banken und Versicherungen oder international ausgerichteten Industrieunternehmen (z.B. Chemie, Nahrungsmittelsektor, Maschinenbau). Die grossen Bundesbetriebe (Post, Bundesbahn, Swisscom etc.) haben die Zeichen der Zeit erkannt und bieten attraktive Trainee-Programme an. Die Bundesverwaltung und die Kantonsverwaltungen sind in dieser Hinsicht im Rückstand. Das Durchlaufen eines Ausbildungsprogramms über verschiedene Departemente bzw. Direktionen hinweg scheitert heute häufig noch am Egoismus der Departemente/Direktionen und der mangelnden Bereitschaft zur Job Rotation (zum Arbeitsplatzringtausch) vieler Angestellten. Innerhalb einzelner Departemente gibt es jedoch gute Konzepte, die „trainee-programm-ähnlich“ sind, wie beispielsweise die Ausbildung zukünftiger Diplomaten im EDA.

Ihre Tagung vom 13. September im Stade de Suisse verbindet Innovation, Organisation und Personal. Wo können die einzelnen Bereiche voneinander lernen und wie spielen diese zusammen?

Zur Förderung von Innovationen braucht es Organisationsstrukturen und –prozesse, die eine Ideengenerierung, -akzeptierung und –realisierung begünstigen. Innovationen entstehen letztlich nur durch Menschen. Bei diesen muss die Innovationsbereitschaft gefördert werden. Dies geschieht z.B. über entsprechende Anreizsysteme. Im Ideenmanagement sind solche Belohnungskonzepte (z.B. Prämien, Auszeichnungen) sehr gut entwickelt worden. Vor allem kann eine Innovationskultur durch Massnahmen des Personalmanagements gezielt beeinflusst werden; und zwar von der Einstellung Innovationsfreudiger Mitarbeiter bis hin zur Entlassung von Personen, die Innovationsprozesse durch ihre mangelnde Lernbereitschaft behindern.

Was können die Teilnehmenden von der Tagung erwarten?

Die Teilnehmenden erhalten Einblick in die exzellente Innovations-, Organisations- und Personalarbeit von Unternehmen und Verwaltungseinheiten. Die Arbeitgeber reichen von jungen Start-ups, über Institutionen des öffentlichen Sektors bis hin zu multinationalen Grossunternehmen. Es besteht bei den Referaten eine gute Mischung aus anwendungsorientierten Wissenschaftlern, erfahrenen Praktikern und gefragten Beratern. Die Teilnehmenden erleben auch zu welchen aussergewöhnlichen Leistungen schweizerische Unternehmen im Ideenmanagement fähig sind (6. IOP-Award für Excellence in Human Resource Management. 2011: Bestes Ideenmanagement in der Schweiz). Einer der erfolgreichsten Herzchirurgen der Schweiz wird aufzeigen, dass innovative Spitzenleistungen und erstklassiges Teamwork auch in einem öffentlichen Universitätsspital möglich sind.

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Interview mit:

Prof. Dr. Norbert Thom ist Direktor des Instituts für Organisation und Personal der Universität Bern

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Das Interview wurde durchgeführt von:

Philipp Suter, Webmaster der SGVW-Wissensplattform und
Peter Sinelli, Assistent am Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern