Die ÖVG feiert ihr 60-jähriges Jubiläum. Welches ist die Rolle der Verwaltungswissenschaften in Österreich heute und hat sich diese Rolle gegebenenfalls in den letzten zehn, zwanzig Jahren wesentlich verändert? 

Die Verwaltungswissenschaften haben in unserem Land eine lange und große Tradition: Man muss da nicht nur auf das dreißigjährige Wirken Lorenz´ von Stein an der Universität Wien zurückgreifen, auch nach 1885 beschäftigte sich eine große Zahl international renommierter Akademiker mit dem Fach. Allerdings rückte die Disziplin dann infolge der Dominanz und Brillanz der Rechtspositivistischen Staatsrechtlehrer - Kelsen und sein methodenverwandter Kreis - dann etwas in den Hintergrund. Erst in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wandten sich einige Lehrer an den juridischen Fakultäten in Wien und Linz wieder dem Fach zu, schrieben Lehrbücher und beschäftigten sich vor allem mit Fragen der staatlichen Planung und der staatsnahen öffentlichen Einrichtungen. In den 90er Jahren, mit dem internationalen Boom von NPM trat ein immer größer werdendes Interesse vor allem an betriebswirtschaftlichen und organisationswissenschaftlichen, finanzwissenschaftlichen und manegementtheoretischen Fragestellungen hervor, das sich auch in diversen Studiengängen, vor allem an den Fachhochschulen, manifestiert. Jüngstes "Kind" dieser Entwicklung ist die Einrichtung eines Fachhochschullehrgangs Public Management in Wien, der gewissermaßen "unter den Fittichen" des Bundeskanzleramtes angeboten wird.

Verwaltungswissenschaft war früher stark vom Verwaltungsrecht geprägt. Die Entwicklung des klassischen Staat zum Dienstleistungsstaat und weiter zum Gewährleistungsstaat hat Bedürfnisse verändert und neue geschafft. Wie hat sich das auf die Verwaltungswissenschaften und auf die ÖVG ausgewirkt? 

Wenn man ehrlich ist, muss man noch immer feststellen, dass in Österreich die Jurisprudenz die Verwaltung und den wissenschaftlichen Umgang mit ihr dominiert. Dies wahrscheinlich mehr als in allen anderen vergleichbaren Ländern. Allerdings hat sich in den letzten Jahren unter dem Diktat der Redimensionierungszwänge gezeigt, dass die Verwaltung - vor allem in Spitzenfunktionen - immer mehr "Manager" und immer weniger "Juristen" nachfragt (wobei diese Unterscheidung nicht allein eine solche der Ausbildung ist). Infolge dessen stieg das Interesse auch der Juristen an verwaltungwissenschaftlichen Inhalten und Lehrangeboten, die Universitäten und die postgradualen Einrichtungen reagierten und heute ist es so, dass auch innerhalb der Verwaltung ein reges Interesse an solchen Themen besteht. Hiefür kann die ÖVG ein Angebot machen: Kontakte zum akademischen Sektor, einzelne Veranstaltungen, internationale Kontakte und Consulting im Bereich der wissenschaftlichen Politikberatung. 

Sie sind der "höchste Beamte" in Österreich und kennen damit sicher sehr gut die Bedürfnisse der Praxis. Sind die Veraltungswissenschaften in der Lage, diesen Bedürfnissen zu entsprechen? 

Wir leiden unter anderem derzeit darunter, dass den relativ wenigen verwaltungswissenschaftlich orientierten und ausgebildeten Topmanagern der österreichischen Verwaltung zu wenig gerade auf verwaltungswissenschaftlichen Gebieten qualifizierte Nachwuchskräfte zur Verfügung stehen. Hier ginge es vor allem darum, "high potentials" mit einer juristischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Basisqualifikation noch zusätzlich für die Aufgaben auszubilden, die auf sie in einer modernen Verwaltung zukommen. 

Der Herausforderungen der Gegenwart sind gewaltig, auch die Herausforderungen für den öffentlichen Sektor. Welchen Beitrag können hier die Verwaltungswissenschaften leisten?  Wie sehen Sie gegebenenfalls die Aufgabenteilung zwischen den Universitäten und Fachhochschulen auf der einen und den Unternehmungsberatungen auf der anderen Seite? 

Die Universitäten bieten hervorragende Basisqualifikationen an, insbesondere im juristischen Bereich. Darüber hinaus sehe ich eine hohe Qualität auf Gebieten der öffentlichen Betriebswirtschaftslehre. Nicht jedoch gibt es "die" verwaltungswissenschaftliche Ausbildung. Ein Studium des "Public Diplom-Managers" würde ich allerdings ohnedies nicht für sinnvoll halten. Hier bin ich eher dafür, Zusatzqualifikationen, Spezialisierungen, modular variierte Studiengänge anzubieten, um dem Bedarf optimal nahezukommen. Und hier hat vor allem auch die berufsbegleitende Weiterbildung einen guten Platz - sei sie von den Universitäten oder vom Staat als Arbeitgeber getragen. In dieser Landschaft vernetzter Initiativen hat allerdings eine Institution wie die ÖVG eine ganz wichtige Funktion, nämlich die, die unterschiedlichen Institutionen, wissenschaftlichen Richtungen und Individuen zusammenzubringen, ohne dass dies mit dem riesigen Aufwand an organisatorischem Ballast verbunden ist, der für große und alte Institutionen leider unvermeidbar ist. 

Der Begriff "Governance" ist heute auch für den öffentlichen Bereich zentral. Welchen  Beitrag können hier die Verwaltungswissenschaften leisten und wie geht es weiter? Welche Begriffe werden in zehn, in zwanzig Jahren die Diskussion dominieren? 

Etwas unernst würde ich gerne nur antworten: "ich danke für die Frage". Etwas ernsthafter merke ich persönlich an, dass ich das "Governance"-Konzept noch immer bis zu einem gewissen Grad für ein Schlagwort, ein Etikett halte, das noch nicht mit der erforderlichen Präzision mit klaren Positionen und Inhalten hinterlegt ist. Wir sind uns zwar heute weitgehend in der Bewertung des NPM-Konzepts einig, wir wissen um seine unschätzbaren Vorteile und seinen wichtigen Beitrag zur Verwaltungsentwicklung in Europa, aber auch um seine Schwachpunkte. "(Good) Governance" muss da aber über die Ideologiekritik hinausgehen, und nicht nur definieren, was an NPM nicht richtig war, sondern auch Neues (und zwar inhaltlich wie methodisch) so klar und konzise darstellen, dass sich daraus eine umfassende Theorie ergibt. Ich glaube, diese Aufgabe wird uns in den Verwaltungswissenschaften schon noch etliche Jahre beschäftigen. Aber gerade angesichts der Folgen der Finanzkrise und der erstaunlichen aktuellen Rückbesinnung auf die Leistungskraft und die Qualität staatlicher Verwaltung sollte es etwas leichter sein, auch diese wissenschaftliche Durchdringung dieses Gegenstandes voranzubringen. Das Bemühen etwa um formalwissenschaftlich perfekte Modelle für eine Optimierung der Qualität der Leistungen des Staates für die Menschen und für die Wirtschaft - das könnte schon junge Wissenschafter begeistern. Und die Entscheidungsträger in der staatlichen Politik ebenso, die ja auch dringend nach Professionalisierung dessen verlangen, was die erfolgreichen unter ihnen (bloß) intuitiv tun. 

Der Begriff "Verwaltungswissenschaften" wird zum Teil als unattraktiv und trocken bezeichnet. Als Ersatz bietet sich "Public Management" an. Ist eine Namensänderung bei der ÖVG ein Thema oder sind die beiden Begriffe gar nicht deckungsgleich?  

Für die Gesellschaft bleiben wir vielleicht am besten bei der etwas trockenen, aber präzisen bisherigen Begrifflichkeit. Dass der Gegenstand und das Spektrum der Verwaltungswissenschaften heute vielfach aufdifferenziert ist und daher Public Management ebenso umfasst wie Betriebswirtschaftslehre, Finanzwissenschaft ebenso wie eGovernment ... tut dem keinen Abbruch. Die Verwaltungswissenschaften haben es heute mit einer viel bunteren Welt zu tun als früher; an der Notwendigkeit ihrer streng wissenschaftlichen Ausrichtung und an empirischen Sozialwissenschaften, ökonomischen und mathematischen Methoden soll und wird das nichts ändern. 

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Interview mit:

Dr. Manfred Matzka, Präsidialchef des Bundeskanzleramtes seit 1999 und seit 2009 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Verwaltungswissenschaften (ÖVG).

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Das Interview wurde durchgeführt von:

Dr. Albert Hofmeister, Delegierter des VBS für internationale Kontakte