Werfen wir zunächst einen Blick auf die demographische Entwicklung der Schweiz bis 2060. Gemäss dem „Referenzszenario A-00-2010“ des Bundesamtes für Statistik wächst die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz von 7’857’000 Personen im Jahr 2010 auf 8’992’000 Personen 2060, was einem Zuwachs um 14 Prozent entspricht (vgl. untenstehende Tabelle). Viel markanter ist aber die Alterung der Bevölkerung. Nach dieser Prognose werden 2060 28 Prozent der Bevölkerung über 64-jährig sein, 12 Prozent gar über 79-jährig. Jeder achte Einwohner der Schweiz wird dann in der Phase der Hochaltrigkeit sein! Diese Menschen werden von der öffentlichen Verwaltung administriert werden müssen, sie werden ihre speziellen Anliegen und Bedürfnisse haben, und die Verwaltung wird sich bezüglich Kommunikationsformen, Standorten und Infrastruktur darauf einstellen müssen.

  

 

2010

2060 (Prognose 2010)

Bevölkerung insgesamt

7,9 Millionen

9 Millionen

unter 20-Jährige

1,6 Millionen

1,6 Millionen

20 bis 64-Jährige

4,9 Millionen

4,8 Millionen

über 64-Jährige

1,3 Millionen

2,5 Millionen

über 79-Jährige

381’000

1,1 Millionen

Quelle: Bundesamt für Statistik
Demographische Daten Schweiz 2010 und 2060 (mittleres Szenario)

Der grösste Teil der über 65-Jährigen wird stimm- und wahlberechtigt sein und demzufolge die Interessen, Grundhaltung und Werte in die wichtigsten politischen Entscheide einbringen. Vermutlich wird auch das politische Interesse bis in ein höheres Alter anhalten (heute sinkt die Stimm- und Wahlbeteiligung ab 70). Etliche werden in Parlamenten und Regierungen vertreten sein. Droht aufgrund der demographischen Entwicklung eine „Gerontokratie“ (Herrschaft der Alten)? Diese Frage beschäftigt Menschen, Medien und Wissenschaft. Was spricht dafür, was dagegen, dass es zu einer Gerontokratie kommen wird?

Dafür: Es kann durch die Stagnation der Bevölkerung und den wachsenden Anteil älterer Menschen eine «Mentalität der Eingesessenen» entstehen, bei der die Furcht, das Erreichte zu verlieren, grösser ist als die Hoffnung, Neues hinzuzuerwerben. Zu dieser Mentalität gehört auch eine Vorliebe für die Werte «Ruhe und Ordnung». Wenn man davon ausgeht, dass auch Stimmbürger ihre persönlichen Interessen vertreten, dann haben ältere Menschen bei ihren Entscheidungen einen kürzeren Zeithorizont. Bevölkerungsstagnation kann zur sozialen Erstarrung führen, weil es weniger hinzukommende Kräfte gibt, die sich einen Platz in der Gesellschaft erkämpfen wollen und müssen. Drängen keine Kräfte nach, müssen sich auch die Eingesessenen weniger anstrengen. Nicht nur Mentalitätsunterschiede, auch objektive Interessengegensätze zwischen den Generationen werden aufgrund der knapper werdenden Ressourcen klarer hervortreten, womit die Gefahr von Generationenkonflikten steigt. In dieser Ausmarchung haben die älteren Menschen rein zahlenmässig die besseren Karten. Sie können ihr Stimmgewicht einsetzen, um ihre Forderungen durchzubringen bzw. am Bestehenden festzuhalten. Dies kann zu schwerwiegenden Generationenkonflikten führen. Nicht bei allen, aber bei manchen Abstimmungsgegenständen zeigt sich schon heute, dass die älteren Generationen «konservativer» – eher auf Beharrung als auf Veränderung bedacht – stimmen als die jüngeren. Politische Parteien und Populisten werden in diesem Potenzial auf Stimmenfang gehen. Es kann zu einer «neuen Mehrheit für die Alten» kommen. Die demographische Entwicklung kann also ein Einfallstor für Populisten werden (die aber selbst jung sein können). Das wäre dann nicht Herrschaft der Alten, sondern Herrschaft dank der Stimmen der Alten.

Gegen die Herausbildung einer Gerontokratie spricht: Wenn es Wirtschaft und Gesellschaft gelingt, mit der voranschreitenden Globalisierung und Dynamisierung Schritt zu halten, dann wird die Gesellschaft insgesamt eher veränderungswillig sein. Alte Menschen werden in einem fortschrittlichen Kollektiv ebenfalls fortschrittlicher sein. Auch in der Schweiz verlieren Berufsgruppen, die eher zum Beharren tendieren, an Gewicht, etwa Landwirte und kleine Gewerbetreibende. Darüber hinaus hat auch in diesen Berufsgruppen ein Umdenken in Richtung Öffnung und mehr Wettbewerb begonnen. Es ist auch durchaus so, dass die älteren Generationen lernfähig sind und ein allmählicher Wandel ihrer Anschauungen möglich ist. In einer weniger konservativen Gesellschaft wiederum ist der Einfluss der Älteren geringer. Alte müssen beruflich nicht mehr vorwärtskommen, sie sind nicht mehr karrieresüchtig. Im Alter sind soziale Beziehungen schwerer zu knüpfen; das weniger dichte soziale Beziehungsnetz vermindert den Einfluss der älteren Menschen auf die ganze Gesellschaft. Die Interessen älterer Menschen sind schlecht organisierbar, weil man sie quasi zu Hause abholen muss und dies nicht, wie bei einer Gewerkschaft, am Arbeitsplatz geschehen kann.

Eine wirksame Interessenvertretung braucht Einigkeit im Innern, Ressourcen für die Verbandsbildung und die politische Einflussnahme sowie eine starke Führung mit einem Beziehungsnetz. In allen diesen Belangen sind die älteren Menschen im Nachteil. Ohne Verankerung im Erwerbsleben ist auch das Beziehungsnetz weniger dicht. Ohne die Ressourcen des Erwerbslebens fehlen die Mittel, um wirksam Lobbying betreiben zu können, denn Lobbying ist ein Tauschgeschäft, und in diesem haben ältere Menschen weniger anzubieten: Informationen, Netzwerke, politische Unterstützung, Geld, Medienpräsenz, Wählerstimmen. Erwerbstätige in Führungspositionen verfügen von ihrer beruflichen Tätigkeit her über diese Ressourcen. Aber woher sollen Nichterwerbstätige die Ressourcen nehmen (ausser Geld)? Hinzu kommt, dass es nicht nur wichtig ist, wie viele Menschen ein Interesse vertreten, sondern auch mit welcher Intensität und inneren Geschlossenheit sie es tun. Jüngere Menschen wenden auch medienwirksame nichtinstitutionelle Formen politischer Partizipation an (Streiks, Besetzungen, Demonstrationen, Proteste). Solche Formen stehen älteren Menschen eher fern.
Ältere Menschen stimmen im Einzelfall durchaus im gleichen Ausmass wie andere Altersgruppen zukunftsgerichteten Projekten zu, wie Abstimmungsanalysen ergeben haben. Dies war zum Beispiel bei den Abstimmungen über den EWR 1992 oder die NEAT 1992 und 1998 der Fall. Bei diesen Beispielen sahen sie über den eigenen Zeithorizont hinaus. Gerade beim Abstimmungsentscheid über den EWR haben viele ältere Stimmberechtigte ihren Enkeln zuliebe ein Ja in die Urne gelegt.

Genauso wie die Angehörigen der Gruppe «Jugend» unterscheiden sich auch die Angehörigen der «älteren Generationen». Die älteren Menschen sind zwar in Bezug auf das Merkmal «Alter» gleich, ansonsten aber keine homogene Gruppe mit gleichen Interessen. Ihr Stimmverhalten wird deshalb nie genau gleich sein, weil eben das Alter nur eine Determinante für politisches Verhalten ist und sich durch die Gesellschaft noch andere Konfliktlinien als das Alter ziehen, etwa die Stellung im Beruf, das Geschlecht, der Bildungsgrad, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, das Eigentum, die Konfession, die Wohnregion. Während etwa in den USA die «American Association for Retired Persons» eine politische Kraft darstellt, ist das politische Gewicht der Organisationen der älteren Menschen in der Schweiz gering. Richtigerweise wurde schon 1996 im Bericht des Perspektivstabes der Bundesverwaltung darauf hingewiesen, «dass nicht demographische  Faktoren einen wesentlich grösseren Einfluss auf Denkweise, Einstellungen und Abstimmungsverhalten haben». Anzumerken ist freilich, dass man bei der Ausarbeitung von Szenarien über Abstimmungsverhalten und Abstimmungsergebnisse nicht allein auf momentanes Stimmverhalten abstellen darf. Käme es zu einem Machtkampf an der Urne, ist das tatsächliche Stimmenpotenzial entscheidend. Sollte in 30 Jahren eine Situation eintreten, in der die Konfliktlinie «Alter» alle anderen überlagern würde, dann verfügten die älteren Stimmberechtigten über ein Potenzial, gegen das die jüngeren nicht ankommen könnten. Zu beachten ist, dass ein Generationenkonflikt zwar nicht offen ausbrechen mag, dass aber die Glut des Konflikts weiterschwelt und sich ausbreitet. Es braucht in einer solchen Situation nur ein aufwühlendes Ereignis, und die Glut entfacht einen Flächenbrand.
Sollten in Zukunft die älteren Generationen vermehrt ihr Stimmgewicht kompakt und nur im Eigeninteresse in die Waagschale legen, so würde die Konfliktintensität steigen. Dies würde die jüngeren Generationen mobilisieren, und ihre Stimm- und Wahlbeteiligung, ja ihr politisches Engagement generell, dürfte zunehmen. Es kommt nie nur auf die Zahl der Köpfe an, die ein bestimmtes politisches Interesse vertreten, sondern auch auf die Intensität und Entschlossenheit, mit der sie dies tun.

In Polen und Tschechien gab es in den 1990er-Jahren «Rentnerparteien», die sich an nationalen Wahlen beteiligt haben. Im Vorfeld der Parlamentswahlen in Tschechien vom 21. Juni 1998 war der Rentnerpartei in Meinungsumfragen ein Wähleranteil von über zehn Prozent vorausgesagt worden. Tatsächlich erreichte sie dann nur drei Prozent. Die Schwesterpartei in Polen erlitt im September 1997 ein ähnliches Schicksal. Offenbar hatten viele Wählerinnen und Wähler, die in Meinungsumfragen eine Rentnerpartei eine gute Idee fanden, bei der Stimmabgabe Bedenken, ob sie eine Partei unterstützen sollten, die einseitig auf Forderungen für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ausgerichtet ist. Ein ähnliches Schicksal erlitt in Deutschland zu Beginn der 1990er-Jahre die aus den Grauen Panthern hervorgegangene Partei «Die Grauen». Selbst bei Wählern ab 60 fand sie keine grosse Unterstützung. Bei den Nationalratswahlen 1991 waren die «Grauen Panther» im Kanton Zürich mit einer eigenen Liste angetreten, allerdings ohne Wahlerfolg. Wenn solches Wählerverhalten auf die Zukunft übertragen werden könnte, dann brauchte man sich in der Tat keine Sorgen zu machen über den geballten Einsatz des politischen Gewichts der Rentnerschaft. Die Umstände, die in 20 Jahren herrschen werden, sind jedoch kaum voraussehbar. Auch Rentnerparteien werden sich überlegen müssen, was sie zur Lösung von Problemen beitragen können, und nicht nur, was für Forderungen sie vertreten. Ähnlich kurzlebige Erscheinungen dürften auf Seiten junger Menschen Parteien wie die Piratenpartei oder «Internetparteien» sein.

Quelle: „Demographischer Kollaps? Was die Schweiz und die Welt erwartet“, Rüegger Verlag 2011 von Silvano Moeckli.

---

Zum Autor:

Prof. Dr. Silvano Moeckli ist Titularprofessor für Politikwissenschaft mit besonderer Berücksichtigung des Vergleichs politischer Systeme und der empirischen Sozialforschung an der Universität St. Gallen.

Im Appenzeller Verlag erschien die zweite Auflage seines Romans "Bissig, Bundesrat".