Vielfältige und divergierende Nutzungen und Ansprüche in urbanen öffentlichen Räumen machen deren Management für Verwaltung und Politik zur komplexen Aufgabe. Das von der KTI finanziell unterstützte und von der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit durchgeführte zweijährige Forschungsprojekt „Nutzungsmanagement im öffentlichen Raum“ wollte den Umgang mit öffentlichen Räumen vor dem Hintergrund steten gesellschaftlichen Wandels reflektieren und längerfristig Veränderungen und Neuerungen im Management der öffentlichen Räume initiieren. Das Forschungsprojekt war eine enge Zusammenarbeit mit den sechs Praxispartnerinnen Basel, Luzern, Winterthur, Schaffhausen, St. Gallen und Zürich und endete im August 2009.
In drei Forschungsphasen wurde erfragt, wie in den sechs Städten das Management des öffentlichen Raums auf baulich-gestalterischer, sozialer, sicherheitspolitischer oder kommunikativer Ebene gehandhabt wird, welche Funktion und Bedeutung urbane öffentliche Räume heute haben, und welche Erkenntnisse sich auf das Management der öffentlichen Räume wie auch auf die zukünftige Nutzung und Gestaltung ableiten lassen.
1. Wie managen die Städte die öffentlichen Räume? Best Practice – Eine Austauschplattform
Städte verfügen über viele unterschiedliche Erfahrungen im Umgang mit den öffentlichen Räumen. In der Broschüre „Best Practice öffentlicher Raum – Management des öffentlichen Raums“ werden die Erfahrungen der Städte entlang der Verwaltungsprozesse Strategie, Planung, Umsetzung und Betrieb zusammengestellt und beschrieben. Die 37 von den Städten selbstausgewählten Projekte und Massnahmen geben einen Einblick ins Management der öffentlichen Räume. Neben der Broschüre wurde eine Internetplattform errichtet und bewirtschaftet und Workshops mit VertreterInnen der städtischen Verwaltungen durchgeführt, um den Austausch von Erfahrungen zu unterstützen. Diese Möglichkeit des Erfahrungsaustauschs über die eigene Verwaltung hinaus ist auf grosses Echo gestossen.
2. Was passiert vor Ort? Fallstudien – Nutzungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen von öffentlichen Räumen
Anhand qualitativ angelegter Fallstudien wurden öffentliche urbane Räume, wie das Rheinbord auf der Kleinbaslerseite, die Ufschötti in Luzern, der Stadtpark in Winterthur, das Schulhausareal Hohberg/Kreuzgut in Schaffhausen, der Bahnhofplatz und Teile des Bahnhofs in St. Gallen sowie Hardstrasse, Turbinenplatz und Halle Puls 5 in Zürichs Industriequartier untersucht. Das Erkenntnisinteresse lag dabei auf dem Zusammenspiel von Raumaneignung, Raumwahrnehmung und Raumgestaltung.
Als eine wichtige Erkenntnis stellt sich die Betonung der hohen Wertschätzung der Raumnutzenden gegenüber den öffentlichen Räumen heraus, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Milieu. Deutlich erkennbar wird aus den Untersuchungsergebnissen die jedem Ort eigene ortsspezifische Logik und Atmosphäre, die von Lage, Gestaltung, Geschichte und politischer Kultur abhängt. Diese ortsspezifische Logik verweist darauf, dass Patentrezepte im Umgang mit öffentlichen Räumen kritisch hinterfragt werden sollen. Trotzdem konnten anhand der Fallstudien raumübergreifende Aspekte entlang den Themenbereichen Nutzungen und Funktionen, Interaktion und Kommunikation und Zusammenhänge von Gestaltung und Nutzung, herausgearbeitet wurden.
Öffentliche Stadträume zeichnen sich als konkrete Erfahrungsräume für die Nutzenden aus und bieten damit die wichtige Möglichkeit, an der Gesellschaft teilzuhaben. Gerade im Jugend- respektive im jungen Erwachsenenalter ist diese Möglichkeit bedeutsam und gilt als Übergangsritual zur Schwelle zum Erwachsendasein. Öffentliche Räume bieten sich als Übungsräume an, Erfahrungen zu sammeln. Öffentlichen Räumen sind demnach komplexe und widersprüchliche Zuschreibungen inhärent, welche auch zu Konflikten führen können.
Die Möglichkeit der Selbstbestimmung von Nähe und Distanz sozialer Kontakte wird von den Nutzenden als spezifisch städtische Qualität öffentlicher Räume hervorgehoben und geschätzt. Interaktionsformen und Kommunikation in den öffentlichen Räumen gelten den Raumnutzenden als äusserst wichtig. Meistens finden direkte Kontakte innerhalb der eigenen Altersgruppe oder Szene statt, selten sind generationenübergreifende Kontakte zu beobachten, trotz etwaiger physischer räumlicher Nähe. Auch bei der Gestaltung öffentlicher Räume spielt die Interaktion eine zentrale Rolle. Positiv oder negativ bewertete Atmosphären von Räumen werden oft damit in Zusammenhang gebracht. Insbesondere scheint wichtig, ob es Gebäude, die an öffentliche Räume angrenzen schaffen, über funktionale und bauliche Ausgestaltung mit den öffentlichen Räumen in Austausch zu treten. Die Gestaltung von Räumen und deren Einfluss auf die Aneignungen wird von den Raumnutzenden mit der Atmosphäre in Verbindung gebracht.
Atmosphären verbinden die Wirkung von Gestaltung mit der subjektiven Wahrnehmung und Vorstellung von Räumen. Dabei spielen die Vorstellung von erwähnten Sehnsüchten nach „lieblichen Räumen“ genauso eine zentrale Rolle wie die beabsichtigten Nutzungen oder die Präsenz von Geschichte dieser Räume. Die Ergebnisse der Fallstudien zeigen, dass öffentliche Räume von unterschiedlichen Aneignungen und Wahrnehmungen leben und sich in einem permanenten und dynamischen Spiel von Widersprüchlichkeiten bewegen, die es als ein konstitutives Element von städtischem Leben zu bewerten gilt.
3. Wie weiter? Diskurs in den städtischen Verwaltungen über den Umgang mit öffentlichen Räumen
Aufgrund der Erkenntnisse der Fallstudien wurden Handlungsempfehlungen an die Städtepartnerinnen formuliert, welche Grundhaltungen, Methodik und Praxis im Umgang mit öffentlichen Räumen betreffen. Die Handlungsempfehlungen, welche die Grundhaltungen betreffen, lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Wertschätzung öffentlicher Räume seitens der NutzerInnen soll auch bei der Verwaltung durch wohlwollendes Management, Pflege und Unterhalt der Räume gestärkt werden. Sie soll als oberste Handlungsmaxime gelten. Öffentliche Stadträume sind komplexe Räume. Widersprüchlichkeiten und Diversität prägen sie. Es ist wichtig den fragilen Gleichgewichten Sorge zu tragen, offen einer facettenreichen Gesellschaft zu begegnen und damit Probleme in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu stellen. Dabei gilt es, die sozialen Aspekte im öffentlichen Raum stärker zu gewichten. Dies betrifft insbesondere den Umgang mit Jugendlichen, als derzeit prominente NutzerInnen. Ihnen bedeuten öffentliche Räume als Erfahrungsraum besonders viel. Patentrezepte für das Management öffentlicher Räume sind insofern in Frage zu stellen, als dass sich jeder Raum durch eine eigene Logik auszeichnet. Diese gilt es mit zu bedenken. Um das lokale Raumwissen zu aktivieren gilt es, NutzerInnen, auch temporäre, vor Ort in die Planung von Nutzungs- und Gestaltungskonzepten einzubinden. Die Planungen sind interdisziplinär und kooperativ zu gestalten. Aushandlungsprozesse bei Spannungen und Konflikten soll frühzeitig erfolgen und können als demokratische Übungsfelder verstanden werden. Sie fördern die Kompetenzen im Umgang mit Dynamik und Komplexität von öffentlichen Stadträumen und damit selbstverantwortliches Handeln anstelle der zunehmender Regulative. Konzepte von Unterhalt, Pflege und Sicherheit, als müssen sich vermehrt an den neuen Rhythmen des 24 Stunden-Tages einer zunehmend sich differenzierenden Gesellschaft orientieren .Der abschliessende Diskurs mit den Stadtverwaltungen zeigte die Wichtigkeit des Projektthemas. Trotz unterschiedlicher Einbindungen des Projekts in den städtischen Verwaltungskontext wurden die Diskussionen in den Veranstaltungen und Workshops interessiert und engagiert geführt. Die Transferphase des Projektes kann als gelungen bezeichnet werden. Die Lancierung des Diskurses um die Bedeutung und Funktion von öffentlichen Räumen bringt derzeit in den einzelnen Städten u. a. Folgendes mit sich: Ergebnisse fliessen in neue Projekte ein (Testplanung Stadtpark, Winterthur, Umsetzungen Schaffhausen), Strategien werden entwickelt (Basel, Luzern), Folgeprojekte zum Wissensaustausch sind am Entstehen.
Zu den Autoren:
Emanuel Müller (Projektleitung), Barbara Emmenegger, Monika Litscher und Tom Steiner (Projektteam)
Mehr Informationen zum Thema:
http://www.hslu.ch/s-publicspace