Warum bringen mehr Investitionen in IT, nicht mehr Wachstum? Wieso steigt der Arbeitsdruck, aber die Arbeitslosigkeit sinkt nicht? Diese und ähnliche Fragen nach Produktivität drängen sich auch der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft auf. Peter Drucker, einer der Vordenker des Management hat nachgerechnet, dass die Umsetzung der gedanklichen Grundlagen der Industriegesellschaft im 20. Jahrhundert eine fünfzigfache Produktivitätssteigerung der industriellen Produktion ermöglicht haben. Die Frage der Stiftung ist: Kann dies im 21. Jahrhundert wiederholt werden? Wenn ja, auf welchen Prinzipien wird dies beruhen?

Wissensarbeit ist in Vielem anders als Industriearbeit. Aber in einem „Anders“ schwingen die alten industriellen Theorien mit, nur „anders“ alleine ist eine zu schwache Basis für die Entwicklungen, denn es beschreibt die besonderen Eigenschaften der Wissensarbeit und deren Organisation nicht wirklich. Die Forschung der Stiftung Produktive Schweiz beginnt deswegen sehr grundlegend damit zu versuchen, die Wissensarbeit zu verstehen. Es ist eigentlich wie zu Beginn der Betriebswirtschaftslehre um 1900, als die aufkommende industrielle Arbeit und ihre Organisation in großen Firmen eine eigene Wissenschaftsdisziplin notwendig machte. Das „e-mail Assessment“ auf der Website der Stiftung Produktive Schweiz ist ein erster Schritt, Wissensarbeit besser zu verstehen. Wie nutzen wir das Medium e-Mail? Und wie sollten wir es nutzen? Was empfiehlt sich, was nicht? Und schon bei dieser banalen Angelegenheit ergeben sich große Potentiale zu Produktivitätssteigerung, wie ein Blick in unser elektronisches Posteingangsfach beweist. Ein weiteres Modul, das die Stiftung angefangen hat zu erforschen, ist Produktivität von Teams und Projekten, denn auch Wissensarbeiter arbeiten nicht alleine. Hier liegen erste Resultate vor, die sie in beiliegendem Dokument finden.

Eine weitere mögliche Untersuchung gilt der Produktivitätssteigerung durch Wiederverwendung von Ergebnissen der Wissensarbeit, z. B. von Softwaremodulen. Das neue Internetfernsehprogramm Joost.com. z. B. besteht zu 93 % aus bestehender Software und ist dennoch hoch innovativ. Es geht also nicht alleine um individuelles Arbeiten, sondern ebenso um organisatorische, betriebs- und volkswirtschaftliche Fragen.

Globalisierung ist eine oft beschriebene Begleiterscheinung der Wissensgesellschaft und beschreibt in besonderem Masse schon heute die Arbeitsweise der Forschung. Die Stiftung Produktive Schweiz hat seit ihrem Bestehen ihre Forschungsinitiativen deshalb in internationale Forschungskooperationen aktiv eingebunden. Dadurch werden internationale Erkenntnisse für die Schweiz zugänglich und können eigene Beiträge verbessert werden. So wird die Pilot-Studie zur Produktivität von Projektteams in  Kooperation mit dem Team von Prof. Mario Bourgault der Kanadischen Montreal Universität durchgeführt, und die Arbeiten zur Wiederverwendung von Software werden mit dem New Yorker Prof. Abbe Mowshowitz. Er ist einer der bekannten Autoren zu virtuellen Organisationen und hat bereits die Schweizer Ansätze zur virtuellen Fabrik untersucht.

Neben Kooperation mit individuellen Forschern ist die Einbindung in strukturelle Forschungsprogramme gelungen. Da die Schweiz inzwischen vollwertiges Mitglied der Europäischen Innovationsprogramme (FP 7) ist, konnte die Stiftung Produktive Schweiz in das Schwerpunktprogramm „Arbeitsplätze für Wissensarbeiter / Collaborative Working Environments“ eintreten und ist dort an am Projekt ECOSPACE (e-professional collaboration space) beteiligt. In diesem Projekt wird die Entwicklung von neuen Elementen für „collaboration“ Plattformen erforscht und entwickelt (nahtlose Integration von Prozessen, Partizipation und Information). Gerade in innovativen, virtuellen Teams werden effiziente, einfache Arbeitslösungen, wo der Mitarbeiter aktiv eingebunden ist,  eine immer wichtigere Rolle spielen.

Wissenschaftliche und theoretische Anteile in Studien sollen die Zuverlässigkeit und Qualität der Ergebnisse in der Wissensarbeit sichern. Aber auch die Öffentlichkeit und die Beteiligung der Schweizer Bevölkerung ist in diesem Feld wichtig. In diesem Sinne sind die heute vorgestellten online-Assessment zur eMail-Nutzung sowie die Pilotstudie zur Produktivität der Projektteams der Stiftung Produktive Schweiz - neben einer hoffentlich konkret nützlichen Dienstleistung - auch eine allgemeine Einladung, mitzudiskutieren und mitzuentwickeln. Denn jede Teilnahme an den Umfragen bietet den Forschern eine bessere empirische Basis.

Wir stehen am Anfang, die Wissensgesellschaft zu verstehen. Jede konstruktive Kritik ist eine Anregungen und jede neue Idee ein Beitrag zu dieser Forschung, auf die Wissenschaftler kein Monopol beanspruchen. Nicht zuletzt lebt Produktivität der Wissensarbeit ja von innovativer Praxis und neuen Arbeitsroutinen im „lebendigen“ Labor, wie dies in der europaweiten Initiative „Living Labs“ genannt wird. Die Stiftung Produktive Schweiz beteiligt sich auch hier an der Erarbeitung von Experimenten und Demonstrationen mit praktischem Nutzen in Forschungszentren vor allem aber auch in der lebenden Praxis der sich entwickelnden Wissensgesellschaft.

Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Forschung, Kommunikation und Fachleuten zu den verschiedenen Themen kann die Stiftung auf Wunsch auch Beratung zu den einzelnen Themen vermitteln. So haben Firmen die Möglichkeit, ihre Produktivität auf diversen Gebieten der Wissensarbeit analysieren und darauf aufbauend verbessern zu lassen.

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Zur Autorin:

Romy Bohnenblust ist Geschäftsführerin der Stiftung Produktive Schweiz

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Zur Stiftung Produktive Schweiz:

Die Stiftung Produktive Schweiz (SPS) will den Denk- und Wissensplatz Schweiz stärken, indem sie die Produktivität der Wissensarbeiter fördert. Sie wurde im Frühling 2005 als breit angelegte Initiative von Wirtschaft, Wissenschaft und Staat gegründet.

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