Veröffentlicht in Dossier 29: Gemeindeautonomie ade?! - Wie lange gibt es sie noch?, Dossier 4: Reformen in Gemeinden und Kantonen, Featured, Im Fokus

Gesucht: fähige Leute für die Gemeindepolitik

Jörg Krummenacher Vorschau_Schach_1024

Viele Gemeinden fühlen sich von ihren Aufgaben weiterhin überfordert und suchen händeringend nach Personal. Dies zeigen erste Auswertungen des Gemeinde-Monitorings 2017.


Seit der Jahrtausendwende hat die Zahl der Gemeinden in der Schweiz um knapp 30 Prozent auf 2255 abgenommen. Dennoch bereitet es der Hälfte der Gemeinden weiterhin Probleme, genügend Personal für die Besetzung ihrer Exekutivämter oder Kommissionen zu finden. Immerhin hat sich die Situation dank den zahlreichen Gemeindefusionen der letzten Jahre verbessert: 2005 bezeichneten 67 Prozent der Gemeinden die Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten als schwierig oder sehr schwierig. Jetzt sind es noch 50 Prozent.

Besetzung von Exekutivämtern in Gemeinden

Die Daten gehen aus einer ersten Auswertung des Gemeinde-Monitorings 2017 hervor, dessen ausführliche Ergebnisse im Januar 2018 veröffentlicht werden. Unter Leitung von Reto Steiner, dem Direktor der ZHAW School of Management and Law in Winterthur, ging ein Fragenkatalog an alle Gemeindeschreiber in der Schweiz. Die Rücklaufquote betrug 83 Prozent. Das Monitoring wird im Rhythmus von einigen Jahren bereits seit 1988 durchgeführt und erlaubt somit eine längerfristige Einordnung. Steiner betont denn auch: «Die Rekrutierung von geeigneten Personen für die Exekutiven ist ein chronisches Problem der Schweizer Gemeinden.»

Abbildung 1: Frauenanteil in privaten und öffentlichen Führungspositionen

Abbildung 1: Besetzung von Exekutivämtern in Gemeinden

Auffallend ist: Die grössten Sorgen bereitet die Besetzung der Ämter in den Gemeinden mit 1000 bis 2000 Einwohnern, während in den Kleinstgemeinden mit nur einigen hundert Einwohnern die Rekrutierung etwas leichter ist. Offensichtlich fällt es den Angefragten in Orten, wo jeder jeden kennt, schwerer, Nein zu sagen. Keine Probleme stellt die Besetzung der politischen Ämter in Städten mit mehr als 20 000 Einwohnern dar.

Junge, Rentner und Frauen in die Exekutiven

Um die Rekrutierung von Exekutivpersonal weiter zu verbessern, muss gemäss Reto Lindegger, dem Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbandes, «das Rekrutierungspotenzial besser ausgeschöpft werden – vor allem bei den Rentnern und den Jungen». Stärker gefragt sind auch Frauen, die nicht einmal ein Viertel der Exekutivämter in den Gemeinden besetzen. Etwas höher ist ihr Anteil mit knapp 30 Prozent nur in Gemeinden mit über 20 000 Einwohnern.

Gesamthaft zählt die Schweiz noch rund 93 000 Personen, die auf kommunaler Ebene ein politisches Amt innehaben – Tendenz sinkend. 73 Prozent der Gemeinderäte sind dabei ehrenamtlich tätig, 25 Prozent nebenamtlich und nur gut 2 Prozent vollamtlich. Tendenziell wird aus dem Ehrenamt zunehmend ein Nebenamt.

Grösstes Problem: Raum- und Zonenplanung

Gestiegen sind gleichzeitig die Ansprüche, die an das Personal in den Gemeinden gestellt werden – sowohl, was Politik, wie auch, was Verwaltung betrifft. Die Leute seien zwar immer besser ausgebildet, beobachtet Projektleiter Reto Steiner, dennoch hat jede zehnte Gemeinde nach eigener Einschätzung ihre Leistungsgrenzen erreicht oder überschritten. Der Wert hat sich gegenüber 2005 um eine Nuance verbessert – eine Folge von verstärkter interkommunaler Zusammenarbeit, von Fusionen und von Aufgabenverschiebungen von den Gemeinden an die Kantone.

Am stärksten gefordert oder überfordert fühlen sich die Gemeinden heute bei der Raum- und Zonenplanung, danach von der Sozialhilfe, die den Städten weitaus am meisten Sorge bereitet. Ein zunehmendes Problem stellt die Informatik dar: Die Ansprüche und Herausforderungen sind in diesem Bereich markant gestiegen.

Dieser Artikel ist am 3. Oktober in der NZZ erschienen: Link Artikel.
Die Daten wurden vom Schweizerischen Institut für öffentliches Management (IPM.SWISS) aufbereitet.
Die ausführlichen Forschungsresultate der 6. Schweizerischen Gemeindeschreiberbefragung werden im Januar 2018 präsentiert.




Bildquelle: BirgitH / pixelio.de