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Verwaltung von kleinen Gemeinden: Synergien nutzen ohne Fusion

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Kleine Gemeindeverwaltungen sind immer wieder gefordert die steigenden Ansprüche der Bevölkerung gerecht zu werden. Geläufig wird dann der Ruf nach Fusionen laut. Ein anderer Weg schlugen die sieben Gemeinden des Gemeindeverbands „Verwaltung 2000“ ein. Lesen Sie hier das Interview mit dem Standortleiter.


Herr Meier, können Sie die «Verwaltung2000» vorstellen?
Andi Meier: Die Verwaltung2000 ist ein Gemeindeverband bestehend aus fünf Zurzibieter Kleingemeinden (Baldingen, Böbikon, Mellikon, Rümikon, Wislikofen). Dem Verband sind ausserdem mit Rekingen und Kaiserstuhl zwei weitere Gemeinden mittels Gemeindevertrag angeschlossen. Gemeinsam haben die sieben Gemeinden rund 2‘700 Einwohner. Organisatorisch gibt es einen Verbandsvorstand bestehend aus den Gemeindeammännern der sieben Gemeinden und eine fünfköpfige Geschäftsleitung in welcher auch die beiden Leiter der zwei Verwaltungsstandorte Böbikon (Finanzen und Steuern) und Rekingen (Kanzlei) Einsitz haben. Der Verband bezweckt gemäss Satzungen die optimale Organisation und Erledigung der Verwaltungsarbeiten der Gemeinden. Entsprechend werden alle Verwaltungsarbeiten der sieben Gemeinden an den zwei Standorten erledigt. Ausnahmen sind der Sozialdienst, welcher Regional zusammen mit vier weiteren Gemeinden zusammen am Bezirkshauptort Bad Zurzach geführt wird. Ebenso sind die Zivilstandsämter und die Betreibungsämter schon länger regionalisiert.

Was war die Motivation zur Gründung des Gemeindeverbunds «Verwaltung 2000»?
In der ursprünglichen Form, also mit den fünf Verbandsgemeinden, wurde von 1997 bis 1999 eine Testphase durchgeführt und danach ab 2000 als Verband definitiv weitergemacht. Motivation war, dass man auf die Dauer die fünf Gemeinden mit je einem Zentralverwalter und eigener Kanzlei nicht mehr führen konnte. Probleme bei der Wiederbesetzung von Stellen, fehlende Stellvertreterlösungen und die Tatsache, dass das Modell „Zentralverwalter“ infolge der steigenden Anforderungen in allen Bereichen keine Zukunft hatte, wurden von den Verantwortlichen früh erkannt. Fusionen waren zu dieser Zeit noch kaum ein Thema in diesen Gemeinden, aus diesem Grund kann man klar sagen, handelte es sich um eine voraussehende Massnahme.

Wie ist die Akzeptanz der Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen sieben Gemeinden? Hat sich diese im Laufe der Zeit geändert?
Unsere Bevölkerung war von Beginn weg sehr offen und sah in den Änderungen stets mehr das Positive als das Negative. Man war auch für alle Veränderungen im Laufe der Jahre, wie die Schliessung der Verwaltungsstandorte, die Aufnahme von neuen Gemeinden, bis hin zur aktuellen Situation mit zwei Standorten für sieben Gemeinden stets offen. Ich erachte dies aber auch als Zeichen, dass von Beginn weg sehr gute Arbeit geleistet wurde und so das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen werden konnte, dass auch der nächste Schritt ein guter Schritt sein wird.

Wie werden die Kosten auf die sieben Gemeinden verteilt?
Die Kosten werden zu 5% nach gleichen Teilen und zu 95% nach Einwohnern auf die sieben Gemeinden verteilt.

Ist der Gemeindeverbund offen neue Gemeinden aufzunehmen oder bestehende abzugeben?
Im Grundsatz ist beides möglich. Dies zeigt auch, dass die beiden im Jahre 2009 bzw. 2010 dazu gestossenen Gemeinden Rekingen und Kaiserstuhl „nur“ mittels einem Gemeindevertrag angeschlossen sind. Dies wurde auch mit der Absicht gemacht, dass man in einer Zeit in der sich die Gemeindelandschaft schnell verändert, möglichst flexibel agieren kann. Anders als vor 20 Jahren ist heute aber auch eine Fusion kein Tabu mehr. Mit dem Projekt „Rheintal+“, welches ebenfalls durch die Gemeinden der Verwaltung2000 angestossen wurde, wird ganz aktuell im Teilprojekt „Vertiefte Prüfung eines Zusammenschlusses“ eine Fusion von zehn Gemeinden im Zurzibiet geprüft, mit dabei alle sieben Gemeinden der Verwaltung2000, Bad Zurzach, Rietheim und Fisibach. Im September 2017 startete der erste Workshop der Arbeitsgruppen. Man darf gespannt sein.

Falls sich andere Gemeinden ein solches Modell überlegen, was spricht Ihrer Meinung nach für dieses Modell einer Zusammenlegung des «Backoffices» anstelle einer Fusion?
Ich wehre mich, dass eine oder das andere pauschal als besser oder schlechter zu bewerten. Der Entscheid ob ein Alleingang, eine Verwaltungszusammenarbeit oder eine Fusion der richtige Weg ist, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Was aber sicher ist, mit einer Lösung wie sie die Verwaltung2000 lebt, können Synergien genutzt und die Verwaltung von kleinen Gemeinden in allen Bereichen professionalisiert werden. Eine solche Zusammenarbeit kann – muss aber nicht – eine Vorstufe zu einer späteren Fusion sein.

Können Sie einige konkrete Vor- und Nachteile einer solchen Gemeindezusammenarbeit nennen?
Die Nachteile liegen auf der Hand, jene Gemeinden ohne Verwaltungsstandort haben keine Verwaltung mehr im Dorf. Dies führt zu weiteren Wegen der Bevölkerung zur Verwaltung und zu einem gewissen Verlust der Nähe der Verwaltung zur Gemeinde. Früher kannte in einer Kleinstgemeinde der Zentralverwalter sicherlich noch fast jeden Einwohner persönlich. Die leerstehenden Verwaltungsliegenschaften können ebenfalls ein Nachteil sein, je nach dem was für Folgenutzungen möglich sind.

Sind diese wenigen, zugegebenermassen emotionalen, Nachteile erst einmal überwunden, kann man erfreut auf zahlreiche Vorteile blicken. Die einzelnen Abteilungen der Verwaltung können mit spezifisch ausgebildetem Personal professioneller geführt werden. Stellvertreterlösungen sind jederzeit gewährleistet und dies ohne zwingend separate Stellen dafür zu schaffen. Die Öffnungszeiten der Verwaltung können massiv ausgebaut werden. Die Verwaltung2000 hat dreissig Schalterstunden pro Woche, u.a. jeden Samstagvormittag und je einmal die Woche bis um 18.30 Uhr, über den Mittag und schon ab Morgens um 7 Uhr. Wenn man bedenkt, dass diese Dienstleitung auch für die 170 Seelengemeinde Böbikon angeboten wird, ist dies doch beachtlich, wenn man es mit einer alleinstehenden Gemeinde gleicher Grösse vergleicht.

Wir haben für die sieben Gemeinden insgesamt fünf Gemeindeschreiber (insgesamt 360%), das Fachwissen innerhalb der Verwaltung ist somit sehr gross, was schon bei diversen Projekten und Reglementerarbeitungen den Vorteil hatte, dass keine oder viel weniger externe Hilfe benötigt wurde. Ebenso ist trotz Ferien- oder sonstigen Abwesenheiten und Teilzeitpensen immer mindestens ein Gemeindeschreiber verfügbar. Im EDV-Bereich liegt ebenfalls ein grosses Potenzial an Synergien und Einsparungen. Der gemeinsame Einkauf von Hard- und Software, aber auch gemeinsame Lizenzen und Wartungsverträge sparen sehr viele Kosten gegenüber sieben einzelnen Gemeinden.

Auch im Bereich der Kommunikation können Vorteile und Verbesserung erwirkt werden, es gibt nur noch ein gemeinsames Mitteilungsblatt für alle sieben Gemeinden, ebenso gibt es eine gemeinsame Webseite für alle Gemeinden, welche die Verwaltungsdienstleistungen anbietet. Bei grösseren Publikationen kann eine gemeinsame erfolgen. Die Liste der Vorteile liesse sich noch fast beliebig verlängern und im Detail erläutern. Jedoch ist der genaue Umfang der Vorteile sicherlich auch von der Konstellation der Gemeinden welche zusammen eine solche Zusammenarbeit planen abhängig.

Wenn Sie zurückschauen, war die Verwaltung2000 der richtige Weg für die fünf bzw. sieben Gemeinden?
Ich wurde oft gefragt, ob ich diesen Weg mit der Verwaltung2000 wieder einschlagen würde und ich kann dies zu 100% bejahen. Es war und ist ganz sicher der richtige Weg für die Gemeinden gewesen und die Vorteile überwiegen die Nachteile um ein vielfaches. Ich bin auch überzeugt, dass wir jeweils zur richtigen Zeit wieder einen Schritt machten, einen Standort auflösten oder die Organisation überarbeiteten. Früher brauchten solche Schritte mehr Zeit um auf allen Ebenen akzeptiert zu werden, heute kann dies sicherlich schneller vollzogen werden.

Eigentlich also die perfekte Lösung für viele ländliche Gemeinden, eigenständig bleiben, professioneller werden, Synergien nutzen und zugleich Geld sparen?
So einfach ist es nicht, es gilt folgendes zu beachten; die Nutzung von Synergien führt zwar oft zu Qualitätssteigerungen, dies hingegen erhöht auch die Erwartungen unserer Kunden. Unsere Zusammenarbeit war stets dynamisch, wir haben uns weiterentwickelt und verbessert. All dies hat aber auch seinen Preis. Wer eine solche Zusammenarbeit mit dem Killerkriterium Einsparungen machen möchte, der wird höchstwahrscheinlich nicht glücklich. Dabei gilt es zu präzisieren, das Preisleistungsverhältnis wird sich massiv verbessern, die effektiven Kosten werden jedoch im besten Fall stabil bleiben. Wir haben festgestellt, dass wir in 20 Jahren nur sehr moderate Anpassungen der Stellenpensen vornehmen mussten, viel weniger als andere Gemeinden die alleine sind, jedoch haben sich auch bei uns der Ausbildungsstandard der Angestellten und somit natürlich auch die Löhne verändert. Betrachtet man aber die Kosten für die einzelnen Gemeinden der Verwaltung2000, stellt man schnell fest, dass zu diesem Preis keine eigene Verwaltung mit nur annähernd gleichem Service geführt werden könnte, sofern man heutzutage überhaupt noch entsprechend qualifiziertes Personal finden würde.

Über den Interviewpartner:
Andi Meier ist Aktuar Verwaltung2000, Standortleiter des Verwaltungsstandortes in Rekingen und Gemeindeschreiber von Wislikofen.

Über den Gemeindeverbund:
Link zur Verwaltung 2000.