Veröffentlicht in Hintergrundberichte zum Thema Open Government, Featured, Dossier 30: Open Government - auf dem Weg zu einer neuen Staats- und Verwaltungsführung?, Im Fokus

Open Innovation und Co-Creation – Wie entsteht die Schweiz 2.0?

Die Schweiz war Co-Creation Champion der vordigitalen Welt und ist es bis heute mit kleiner werdendem Vorsprung geblieben. In Zukunft werden aber neue Technologien das traditionelle Staatsdenken grundsätzlich in Frage stellen. Deshalb sollten wir über eine wesentlich intensivere, auch digital praktizierte, Form von Co-Creation nachdenken.


Die ursprüngliche Bedeutung von «Open Innovation» ist, dass die Kunden – beziehungsweise im Fall der öffentlichen Verwaltung die Einwohner und Unternehmen – in die Gestaltung der Innovationsprozesse mit einbezogen werden. In engem Bezug dazu steht der Begriff «Co-Creation» , der vor allem im Verwaltungskontext verwendete wird: Verwaltung und Bevölkerung arbeiten bei Co-Creation auf Augenhöhe zusammen beim Design von Problemlösungen. Beide Begriffe beziehungsweise Konzepte gehen in ihrer ursprünglichen Form davon aus, dass an den institutionellen und wirtschaftlichen Strukturen sich nur wenig ändern würde. Noch vor fünf Jahren gab es wenig gute Gründe, diese Annahme in Frage zu stellen. Doch daran hat sich Wesentliches geändert.

“Traditionelle” Open Innovation und Co-Creation

Bevor wir uns anschauen, was sich in den letzten Jahren verändert hat, lassen Sie uns zuerst dem „alten“ Verständnis der beiden Konzepte auf den Grund gehen. Beide stellen Antworten auf die Frage dar, woher die Innovation kommen soll. Gerade in Bezug auf die Verwaltung ist diese Frage heikel und ihre Diskussion meist mit vielen Emotionen verbunden. In einigen Ländern Europas ist man überzeugt, dass die Verwaltung unfähig ist, gute Ideen zu haben. Ein Teil dieser Länder setzt auf die Regierung und die Zivilgesellschaft, ein anderer Teil auf die Bevölkerung und die Zivilgesellschaft. Ganz im Gegensatz dazu wird in der Schweiz die Verwaltung oft als zu kreativ und innovativ wahrgenommen und ihre stärkere Kontrolle wird gefordert.

Dahinter steht ein Unbehagen über die wechselseitigen Abhängigkeiten: Parlament und Regierung haben die Gesetzgebungs- und Budgetmacht, die Wirtschaft ist Träger des Technologiewissens, die Hochschulen kennen die internationalen Good Practices und besitzen multidisziplinäres Spezialwissen und der Bürger hat das Sagen – so weit, so gut. Aber die Verwaltung hat das Wissen über die komplexen Zusammenhänge und ohne dieses Wissen scheitern Innovationen. Das zwingt zur Zusammenarbeit und diese funktioniert – bei aller öffentlich geäusserten Kritik – in der Praxis so gut, dass die Schweiz ohne grosse Übertreibung als Champion der Co-Creation bezeichnet werden kann. Vor allem in der vordigitalen Welt war sie fast allen anderen Staaten darin weit überlegen. Die wichtigsten Instrumente dabei waren und sind

  1. Die offene Vernehmlassung
  2. Staatliche Institutionen, die auf Freiwilligenarbeit basieren und die Zusammenarbeit von Wissensträgern und/oder Stakeholdern fördern
  3. Vereine, Vereine und nochmals Vereine: u.a. solche für digitale Innovationen, in denen Vertreter der Verwaltung, der Berufsverbände und der Wissenschaft gemeinsam im Vorstand sitzen und Lösungsvorschläge erarbeiten
  4. Die Besetzung von Vorständen von staatlichen Institutionen mit Vertretern der wichtigsten Stakeholder, was u.a. dazu führt, dass Erfolgspraktiken zwischen Wirtschaft und Staat ausgetauscht werden
  5. Die Akademien der Wissenschaften, die Bildung von Expertengremien zu dauerhaften und zu zu aktuellen Herausforderungen für den Staat, et cetera, et cetera.

Ein Nachteil ist, dass in diesem gut eingespielten System der Zusammenarbeit kollektive Irrtümer und ein selbstverordnetes Einbremsen der Innovationsgeschwindigkeit eine unerfreulich hohe Wahrscheinlichkeit besitzen. Radikalere Open Innovation Ansätze bekommen kaum keine Chance und Einwohner können nur dann kreative Ideen einbringen, wenn sie selber Experten sind. Ansonsten müssen sie sich mit der Rolle des Feedback-Gebers und (im Falle der Schweizer Staatsbürgerschaft) des Ja-Nein Entscheiders begnügen.

Digitale Erfahrungen mit dem vordigitalen Ansatz

Die Erfahrung der letzten Jahre hat dabei Folgendes gezeigt: Bei der digitalen Transformation des Staats funktioniert die oben beschriebene Co-Creation aus vordigitaler Zeit dort gut, wo es darum geht, internationale Trends autonom nachzuvollziehen. Sie trägt aber wenig dazu bei, dass in der Schweiz Innovationen entwickelt werden können, die dann vom Ausland kopiert werden. Die Schweiz hat im E-Government und bei der Entwicklung der Infrastrukturen für digitale Märkte die Position des Followers eingenommen, meist sogar die Position des Late Followers. Dafür ist die Umsetzungsqualität meist sehr hoch.

Radikale Veränderungen stehen bevor

Heute zeichnet sich aber ab, dass die institutionellen und die wirtschaftlichen Akteure durch die digitale Transformation möglicherweise einen Teil ihrer Rollen gänzlich verlieren könnten: die Geldpolitik könnte beispielsweise entstaatlicht und von der Gesellschaft übernommen und so quasi sozialisiert werden – mittels Blockchain-Technologie, die in Zukunft auch Personen-, Unternehmens-, und Objektregister entstaatlichen könnte. Darüber hinaus könnten die digitalen sozialen Netze die Ausgabe von Identitätsausweisen und weitere Vertrauensdienstleistungen übernehmen. Und es ist nicht einmal auszuschliessen, dass mittelfristig die Verteidigung von Grundrechten entstaatlicht/sozialisiert wird.

Angesichts der fehlenden Weltordnung im Internet wäre letzteres vielleicht nicht einmal das Schlechteste: Staaten greifen heute nicht nur kriminelle Organisationen an, sie begnügen sich auch nicht damit, legale ausländische Unternehmen zugunsten ihrer eigenen Wirtschaft auszuspionieren, sondern sie greifen auch andere Staaten direkt an und versuchen diesen zu schaden. Das geschieht, ohne dass es akzeptierte Grenzen für solche begrenzten, taktischen Kriegshandlungen im Internet gibt. Die traditionelle Verteidigungsdoktrin interpretiert dies so, dass neu alle Feinde an der Grenze stehen – doch tatsächlich sitzen die Feinde bereits im Arbeitszimmer, im Wohnzimmer und je länger, je mehr wohl auch in der Küche mit ihren intelligenten, internetverbundenen Geräten. Und wer will sich seine Küche vom Militär schützen lassen? Eine Form des von der Gesellschaft organisierten Schutzes wäre eine willkommene Option.

Tertium datur – es gibt eine Alternative!

Die neuen Optionen für eine Entstaatlichung stellen den Staat, so wie wir ihn kennen, grundsätzlich in Frage. Damit bekommen Open Innovation und Co-Creation eine ganz neue Bedeutung. Sie stellen eine Option des dritten Wegs dar: Neben der traditionellen staatlichen Hoheitlichkeit einerseits und deren Entstaatlichung und Sozialisierung anderseits gibt es als dritten Weg auch die Möglichkeit, dass Staat und Gesellschaft zu Lösungen kommen, die nicht nur gemeinsam entworfen werden, sondern auch gemeinsam, implementiert, betrieben und gesteuert werden.

Ein wichtiges Beispiel ist das soziale Teilen von Gesundheitsdaten, um die Präzisionsmedizin zu ermöglichen. So lange es genügend verfügbare Daten gibt, kann jeder von Präzisionsmedizin profitieren, ohne seine Daten für die Forschung und für die Behandlung anderer zur Verfügung zu stellen. Aber wenn jeder aus Angst vor Datenmissbrauch egoistisch agiert und seine Daten bei sich behält, dann gibt es für niemand Präzisionsmedizin. (Beziehungsweise müssen dann die Daten in den USA und anderen Ländern eingekauft werden, was aber nicht „gleich gut“ ist, u.a. weil der Lebenswandel eine wichtige Rolle spielt, wenn aus Daten Schlüsse für Vorsorge, Diagnose, Therapie und Nachsorge gezogen werden sollen.) In dieser Situation können Lösungen helfen, die das alte, traditionelle Schweizer Genossenschaftswesen mit neuen digitalen Governance-Formen verbinden. Wobei schon die Entwicklung dieser Lösungen auf neue Art, das heisst transparent und inklusive Online-Partizipationsverfahren, durchgeführt werden sollte, um genügend Vertrauen, Legitimation und Akzeptanz zu schaffen.

Zum Autor:
Prof. Dr. Reinhard Riedl ist Leiter des Zentrums Digital Society der Berner Fachhochschule.

Mehr zu Thema
Am 30. November findet in Bern das 10. Nationale eGovernment-Symposium zum Thema Open Innovation statt. Es erwartet Sie ein spannender Mix an Referentinnen und Referenten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Das Program, die Anmeldung und weitere Informationen finden Sie unter auf der Eventwebseite (Link).






Bildquelle: Thomas Riegler / pixelio.de