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Gemeinwohlbeitrag der Öffentlichen Verwaltung und Lebenszufriedenheit

An welcher Maxime sollen sich öffentliche Organisationen orientieren? Der Effizienz, der Effektivität oder der Wirtschaftlichkeit? Das Center for Leadership and Values in Society der Uni St. Gallen lanciert die Diskussion erneut und plädiert für die Einführung einer vierten Dimension der Gemeinwohlorientierung.


65% der über 5000 Befragten sind besorgt darüber, dass dem Gemeinwohl in der Schweiz zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dies zeigt sich sowohl in der aktuellen Fassung des GemeinwohlAtlas 2015 als auch in der Ausgabe des Vorjahres. 81 von 100 Befragten geben dabei an, eine klare Vorstellung von Gemeinwohl zu haben. Dies ist auch verständlich, handelt es sich doch um eine Erfahrungswelt, in der sich jeder ein Bild von seinem Umfeld macht. Pointiert: Wir sind alle Gemeinwohlexperten! Das Wohl des Gemeinwesens bewegt die Bürgerinnen und Bürger – den Souverän – der Schweiz. Organisationen tun deshalb gut daran, einen Fokus auf das Gemeinwohl zu legen.

Die öffentliche Verwaltung spielt hierbei allein deshalb eine besondere Rolle, weil der gesetzliche Auftrag die Gemeinwohlorientierung im Wesenskern des Verwaltungshandelns verankert hat. Insofern überrascht es nicht, wenn im GemeinwohlAtlas öffentliche Institutionen grundsätzlich gut abschneiden (www.gemeinwohl.ch). Dazu gehören die Suva, AHV/IV, die Bundespolizei, aber auch die Schweizer Armee. Sicher darf man hier den SRF noch dazu zählen, der als Unternehmen einen gesetzlichen Auftrag erfüllt und einen Service public erbringt.

In der folgenden Abbildung wird der organisationsspezifische Gesamtwert dargestellt, der sich aus vier Dimensionen zusammensetzt: Aufgabenerfüllung («leistet im Kerngeschäft gute Arbeit»), Lebensqualität («trägt zur Lebensqualität in der Schweiz bei»), Zusammenhalt («trägt zum Zusammenhalt in der Schweiz bei») und Moral («verhält sich anständig»)

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Gemeinwohlbeitrag des öffentlichen Sektors in der Schweiz (Quelle: www.gemeinwohl.ch/atlas)

Im Kanton St.Gallen war dieses positive Bild auch erkennbar für das Kantonsspital, die Ortsbürgergemeinde, die Regierung des Kantons, die Universität St.Gallen, die Fachhochschule und die RAV (Abb. 2).

Gemeinwohlbeitrag des öffentlichen Sektors im Kanton St.Gallen (Quelle: www.gemeinwohl.ch/atlas)

Gemeinwohlbeitrag des öffentlichen Sektors im Kanton St.Gallen (Quelle: www.gemeinwohl.ch/atlas)

Der GemeinwohlAtlas betrachtet jedoch nicht nur einzelne Organisationen, sondern auch Zusammenhänge der Bewertungen mit vielen wichtigen Parametern, wie z.B. Alter, Geschlecht, Bildung, Medienkonsum usw. Ein Aspekt ist auch die individuelle Lebenszufriedenheit („Happiness“), ein im internationalen Massstab gern und oft herangezogenes Kriterium, um die Lebensverhältnisse in einem Land zu beschreiben. Aus einer noch unveröffentlichten Studie kann hier ein erstaunlicher Befund dazu berichtet werden, der in dieser Form für die öffentliche Verwaltung in der Schweiz zutrifft: Je eher der öffentlichen Verwaltung ein hoher Gemeinwohlbeitrag zugeschrieben wird, desto zufriedener sind die Befragten insgesamt mit ihrem Leben. Diese positive Beziehung zwischen der individuellen Lebenszufriedenheit und dem zugeschriebenen Gemeinwohlbeitrag der öffentlichen Verwaltung wird sogar noch zusätzlich verstärkt, wenn die Befragten selbst in der öffentlichen Verwaltung beschäftigt sind. Letzteres zeigt, wie bedeutend es für Beschäftigte in der öffentlichen Verwaltung ist, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten („public service motivation“). Nun ist das mit Kausalität so eine Sache, aber der positive Zusammenhang ist zumindest in dieser Studie gesichert.

Die Ergebnisse der GemeinwohlAtlas-Studie sollten Anlass sein, die Implementierung von Leistungsindikatoren in der öffentlichen Verwaltung dahingehend auf den Prüfstand zu stellen, inwieweit Gemeinwohlwirkungen umfassend abgebildet sind. Dies ist eine der Grundideen des St. Galler Ansatzes zum Public Value-Management. Dieser zielt darauf ab, den Gemeinwohlbeitrag („Public Value“) besser zu erfassen und damit Potentiale für dessen Steuerung und Steigerung zu identifizieren. Neben dem GemeinwohlAtlas wurde dafür eine „Public Value Scorecard“ entwickelt, mit der Produkte, Projekte und strategische Initiativen auf ihre Gemeinwohlfolgen hin untersucht werden können.

Das insgesamt gute Gesamtergebnis der öffentlichen Verwaltungen und auch der Detailbefund bezüglich des Einflusses auf die Lebenszufriedenheit sollten das Selbstvertrauen der öffentlichen Verwaltung stärken und gleichzeitig klarmachen, welche Verantwortung sie tatsächlich trägt in der Schweiz. Und auch hier gilt: Tue Gutes und rede darüber!

Zu den Autoren:

Prof. Dr. Timo Meynhardt, Dr. Arend Oetker Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL Leipzig Graduate School of Management, Germany & Geschäftsleiter des Centers for Leadership and Values in Society, Universität St.Gallen

Pepe Strathoff, M.Sc., Doktorand und Fellow am Center for Leadership and Values in Society, Universität St.Gallen,

Steven A. Brieger, M.A., Doktorand am Research Center for Entrepreneurship Evidence, Leuphana University of Lüneburg, Germany und Fellow am Center for Leadership and Values in Society, Universität St.Gallen.