Welche Themen werden im Teil «Verwaltungsstrukturen und Verwaltungsorganisationen» angesprochen?

In diesem Teil des Handbuches analysieren wir die öffentlichen Verwaltungen auf den drei institutionellen Ebenen der Eidgenossenschaft, das heisst der Bundesebene (Kapitel 1 Varone), der Kantonsebene (Kapitel 2 Koller) und derjenigen der Gemeinden (Kapitel 3 Steiner und Kaiser). Zur Vervollständigung heben wir noch das grosse Gewicht der so genannten «Milizverwaltung» hervor, das heisst der ausserparlamentarischen Kommissionen und der parastaatlichen Politikumsetzungsorgane (Kapitel 4 Rebmann und Mach) und zum Schluss analysieren wir die organisatorischen Transformationsprozesse. Kürzlich wurden mehrere Reformen der Bundesverwaltung durchgeführt, die sich in den Rahmen des New Public Management einordnen lassen: Die Steuerung mehrerer Bundesämter durch Leistungsindikatoren, die Liberalisierung öffentlicher Dienste (z.B. Elektrizität, Bahnen und Post), die Abflachung der Verwaltungshierarchien oder die Abschaffung des Beamtenstatus. Wir untersuchen insbesondere die Verbreitung von Agencies oder autonomen öffentlichen Organisationen (Kapitel 5 Pasquier und Fivat) sowie die Zusammensetzung und die zunehmende Bedeutung der unabhängigen Regulierungsbehörden (Kapitel 6 Gilardi, Maggetti und Servalli).

Welche Erkenntnisse lassen sich aus Ihrem Teil gewinnen? Gibt es Überraschungen?

Die wichtigste Lehre, die aus diesem Überblick über die Organisationen gewonnen werden kann, ist zweifellos die sehr beeindruckende und rasche Veränderung des rechtlichen Status, der Aufgaben und Zuständigkeiten sowie der Ressourcen der Organisationen, welche an der Formulierung und am Vollzug öffentlicher Politiken teilnehmen. Nicht nur hinsichtlich interner Management-Methoden unterscheiden sich herkömmliche Verwaltungen, neue Agenturen und unabhängige Regulierungsbehörden erheblich. Noch deutlicher unterscheiden sie sich in deren Interaktionen mit Politikern und Nutzern der öffentlichen Dienste. Um es kurz zu fassen: Wir beobachten eine bedeutende Umstrukturierung des Staates und eine Neudefinition seiner Rolle hin zu einem direkten Anbieter von öffentlichen Dienstleistungen versus der Rolle als Regulator eines öffentlich politischen Sektors.

Können Sie Schlussfolgerungen für die Zukunft ziehen?

Eine Frage, die gestellt werden muss, ist, wie die beobachtete Zerstückelung der organisationalen Strukturen sich schliesslich auf die öffentliche Politik auswirken wird und welche Effekte dadurch auf die Bürger zukommen werden. Erhöht die hybride Organisationform die Reaktionsfähigkeit, das Innovationspotenzial oder die Leistungsfähigkeit des Staates? Oder riskiert sie stattdessen die Entstehung eines institutionellen Egoismus, da politische Felder sich auf extreme Weise verselbständigen, und hebt somit die ohnehin schon prekären Koordinationsprobleme und Probleme der strategischen Führung zusätzlich hervor? Egal wie es ausgeht, für Forscher und erfahrene Beobachter ebnen die in diesem Teil des Handbuchs beschriebenen Veränderungen den Weg für viele spannende Gedanken. Sie zeigen aber auch auf, welche Herausforderungen sich den Politikern und den Führungskräften des öffentlichen Sektors noch stellen.

Interview mit:

Frédéric Varone, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Genf.

Die Interviewfragen wurden durch die Webmasterin Michelle Geiger gestellt.

Lesen Sie nächsten Monat das Interview mit Luzius Mader zum dritten Teil des Buches über «Recht».



Zum Buch:

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Andreas Ladner, Jean-Loup Chappelet, Yves Emery, Peter Knoepfel, Luzius Mader, Nils Soguel und Frédéric Varone (Hrsg.) (2013). Handbuch der öffentlichen Verwaltung in der Schweiz. Zürich: NZZ Libro. ISBN 978-3-03823-788-4.