Spätestens seit dem Reaktorunglück in Fukushima hat die Schweiz verstanden, dass Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt und dass die Ressourcen für nachhaltige Stromproduktion beschränkt sind. Der Bundesrat hat daraufhin einen schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Dieser Ausstieg bedingt nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien durch Energieversorger und Privatpersonen. Auch Gemeinden können mit ihrer Energiepolitik die Zukunft unseres Landes effektiv und nachhaltig gestalten.

Ein ambitiöses Ziel für das Klima und eine gerechtere Ressourcenverteilung

Immer mehr Gemeinden werden sich ihrer Funktion als Vorbild für die Bevölkerung bewusst und setzen sich ein ambitiöses Ziel: Die 2000-Watt-Gesellschaft. Ziel dieser ist es, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken und eine global gerechte Verteilung des Energiebedarfs anzustreben. Konkret bedeutet dies, schrittweise den Treibhausgas-Ausstoss auf eine Tonne pro Kopf und Jahr zu reduzieren und den Energiebedarf auf 2000 Watt durchschnittliche Leistung zu senken. Damit das 2-Grad-Klimaziel erreicht werden kann sind solche drastischen Visionen dringend nötig. Als Etappenziel der 2000-Watt-Gesellschaft gilt das Jahr 2050. Bis dahin soll der durchschnittliche pro-Kopf-Ausstoss von Treibhausgasen in der Schweiz um einen Faktor 4.3, der Energiebedarf um einen Faktor 1.8 reduziert werden.


Gemeinden auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft

Die öffentliche Hand hat in energiepolitischen Themen nicht nur eine Vorbildfunktion inne, sie kann auch die Bevölkerung mit Anreizen zu mehr Nachhaltigkeit motivieren. Eine Auszeichnung für eine solche aktive Energiepolitik ist das Label Energiestadt, welches inzwischen an 293 Schweizer Gemeinden vergeben wurde. Mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung wohnt in einer Energiestadt und profitiert dabei unter anderem von attraktiven Förderprogrammen im Bereich erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Energiestädte engagieren sich zudem auch für attraktive Anschlüsse an den öffentlichen Verkehr und setzen in der Verwaltung in der Regel auf nachhaltige Beschaffung. Insgesamt sparen die Energiestädte jedes Jahr rund 120‘000 Tonnen CO2 und über 300 Gigawattstunden Strom. Dies ist ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg in eine nachhaltige Energiezukunft. Einige Städte und Gemeinden gehen nun noch einen Schritt weiter und verschreiben sich den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft.

Eine der prominentesten Vertreterinnen der 2000-Watt-Gesellschaft ist die Stadt Zürich. Hier hat die Bevölkerung die 2000-Watt-Vision in einer Abstimmung Ende 2008 mit über 75% Ja-Stimmen in der Verfassung festgeschrieben. Diesem Beispiel sind weitere Energiestädte gefolgt und haben die 2000-Watt-Gesellschaft ebenfalls zu ihrem energiepolitischen Ziel erklärt. Dass dies nicht bloss ein Lippenbekenntnis geblieben ist, zeigt der Blick in die Pioniergemeinden. Die Gemeinde Buchs verbraucht bereits heute einen Drittel weniger Energie als der schweizerische Durchschnitt. Ursache sind der hohe Anteil an erneuerbarem Strom von über 50% und die Nutzung der Abwärme aus der Kehrichtverbrennungsanlage. Bereits auf dem Stand einer 3500-Watt-Gesellschaft angekommen ist die Gemeinde Erstfeld. Zu diesem beachtlichen Resultat (Schweizer Durchschnitt: 6300 Watt) trägt insbesondere die ausschliessliche Nutzung von Strom aus erneuerbaren Quellen bei.

Die 2000-Watt-Gesellschaft nimmt Rücksicht auf regionale Gegebenheiten

Nicht für alle Gemeinden ist es gleich einfach, zu einer 2000-Watt-Gesellschaft zu werden. Ländliche Gemeinden weisen strukturbedingt eine grössere Verkehrsleistung aus und damit einen höheren CO2-Ausstoss in der Mobilität. Gemeinden mit einer energieintensiven Industrie starten ebenfalls von einem höheren Ausgangswert. Zudem fällt ein beträchtlicher Teil des CO2-Ausstosses und Energiebedarfs ausserhalb der Gemeinde an. Wird der Konsum importierter Güter und der internationale Flugverkehr mitberücksichtigt, so schwillt der heutige Treibhausgas-Fussabdruck in der Schweiz von 8.6 auf über 12 Tonnen pro Person an. Im Sinne einer gesamtheitlichen Betrachtung der persönlichen Energie- und Treibhausgas-Bilanz sind diese Emissionen keineswegs vernachlässigbar. Die Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft hat sich vergangenen Herbst diesen Fragestellungen angenommen. Ein Expertengremium hat daraufhin ein neues Bilanzierungskonzept der 2000-Watt-Gesellschaft erarbeitet. Dieses Konzept sieht vor, dass eine Abschätzung des aktuellen Energiebedarfs einer Gemeinde in Zukunft unter Berücksichtigung der importierten Güter und Dienstleistungen erfolgen soll. Aufgrund der strukturellen Gegebenheiten (Stadt, Agglomerationsgemeinde, ländliche Gemeinde) werden dann individuelle 2000-Watt-kompatible Ziele definiert. Damit wird sichergestellt, dass die Ziele nicht zu hoch oder zu tief ansetzen, sondern sich an den tatsächlich vorhandenen Handlungsmöglichkeiten orientieren.

EnergieSchweiz für Gemeinden bietet Hand bei der Umsetzung

2000-Watt-Ziele auf Gemeindeebene sind schnell und unkompliziert formuliert. Gemeinden, welche bereits das Label Energiestadt tragen, wenden sich direkt an ihre Energiestadt-Beraterin oder ihren Energiestadt-Berater. Diese kennen sich in der Methodik der 2000-Watt-Gesellschaft aus und sind mit den lokalen Gegebenheiten in der Gemeinde vertraut. So können sie mit vertretbarem Aufwand eine energiepolitische Zielsetzung ausarbeiten, welche den Grundsätzen der 2000-Watt-Gesellschaft entspricht. EnergieSchweiz für Gemeinden hat im Jahr 2010 die Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft eingerichtet. Die Fachstelle verfügt über ein breites Netzwerk von Spezialisten und kann so methodische Fragen rasch und unbürokratisch per E-Mail oder Telefon beantworten. Auf ihrer Internetplattform www.2000watt.ch bietet sie Interessierten vertieftes Hintergrundwissen rund um die 2000-Watt-Gesellschaft. Die Fachstelle ist ebenfalls für die Weiterbildung der Energiestadt-Berater zuständig und deren Ansprechpartnerin für Fragen. Gemeinden, welche die 2000-Watt-Gesellschaft unabhängig vom Energiestadt-Prozess umsetzen möchten, können sich ebenfalls direkt an die Fachstelle wenden.



Zum Autor:

Andrin Fink arbeitet für die Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft.



Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft:

Die Aufgabe der Fachstelle ist die Verankerung und die Umsetzung der Vision der 2000-Watt-Gesellschaft. Sie erarbeitet Grundlagen und Instrumente zur Umsetzung der 2000-Watt Gesellschaft, organisiert Ausbildungsveranstaltungen zu methodischen und aktuellen Themen, wirkt beratend bei der Umsetzung von Projekten und vermittelt Kontakte aus ihrem Netzwerk von Spezialisten. Weitere Informationen siehe www.2000watt.ch.