Die Open-Government-Data-Bewegung hat im Jahr 2011 auch die Schweiz erreicht. Der offene Zugang und die freie Wiederverwendung von Behördendaten („Open Government Data“, OGD) wurde an zahlreichen Veranstaltungen und in den Medien thematisiert, war Gegenstand verschiedener parlamentarischer Vorstösse, motivierte Verwaltungsvertreter, Ideengeber, Softwareentwickler und Designer zu neuen Formen der Zusammenarbeit und mündete auf kommunaler Ebene in ersten konkreten Projekten.

Am 24. Juni 2011 fand im Schweizerischen Bundesarchiv die erste OGD-Konferenz „opendata.ch 2011“ statt. Statt der erwarteten 60 besuchten über 150 Teilnehmer die eintägige Veranstaltung, darunter zahlreiche Politiker, Spitzenbeamte, Medienschaffende und Vertreter der Softwareindustrie, und demonstrierten damit das rasch wachsende Interesse an OGD in der Schweiz.[1] Ein weiteres OGD-Highlight 2011 war das erste OGD-Camp „make.opendata.ch“, das am 30. September und 1. Oktober mit über 120 Teilnehmern zeitgleich in Zürich und Lausanne stattfand und 11 funktionsfähige OGD-Anwendungen hervorbrachte.[2] Zudem wurde am 15. November das 5. Nationale eGovernment-Symposium von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf mit einem klaren Plädoyer für Open Government und Open Government Data eröffnet.[3]

Auch die Politik ist mit an Bord: Am Dinner der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit vom 21. Dezember 2011 unterzeichneten die ersten Parlamentarier und Vertreter kommunaler Exekutiven die Absichtserklärung zum Open Government Data Manifest [ http://www.digitale-nachhaltigkeit.ch/2011/12/ogd-dinner/ ]. Das Referat von André Golliez am Anlass vermittelt einen Überblick über die aktuellen Schritte für OGD in der Schweiz vor (siehe Video [ http://youtu.be/a1-h3CSpK9E ]).

Partnerschaftlich zusammenarbeiten

OGD wird 2012 ein aktuelles Thema bleiben und weitere Kreise auf Verwaltungs- wie auf Ebene der Zivilgesellschaft ansprechen. Um den Austausch zwischen allen an Open Data Interessierten in der Schweiz weiterhin professionell und transparent zu fördern, haben die bereits im Thema Involvierten am 19. Januar 2012 gemeinsam mit über 50 Interessierten aus der Deutschschweiz und der Romandie den Verein Opendata.ch gegründet.[7] Der Verein ist offen sowohl für Einzel- wie auch für Kollektivmitglieder und lädt insbesondere auch Verwaltungsvertreter und -einheiten ein, ihm beizutreten.

Nachdem es der Open-Data-Community der Schweiz im letzten Jahr erfolgreich gelungen ist, OGD auf die Agenda von Politik, Verwaltung und Medien zu bringen, stehen 2012 erste praktische Schritte auf dem Weg zu OGD in der Schweiz auf dem Programm, u.a.:
• Behandlung der von Vertretern der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit in der Herbstsession 2011 eingereichten Motion sowie von zwei Postulaten zu OGD durch National- und Ständerat in der Frühjahrs- und/oder Sommersession 2012.[4]
• Realisierung eines Verzeichnisses der amtlichen Dokumente des Bundes durch das Schweizerische Bundesarchiv (sog. „Single Point of Orientation“, SPO), um die Recherche und die Gesuchstellung zur Einsichtnahme gemäss Bundesgesetz über das Öffentlichkeitsprinzip in der Verwaltung (BGÖ) zu erleichtern (Pilotprojekt im Gange, definitiver Realisierungsentscheid durch den Bundesrat voraussichtlich im Mai 2012).
• Durchführung der nächsten OGD-Camps („make.opendata.ch“) im Frühjahr und Herbst 2012 in verschiedenen Schweizer Städten (am 30./31. März 2012 zum Thema „Mobilität“ in Zürich und Genf; im Herbst zum Thema „Gesundheit“, wobei genaues Datum und veranstaltende Städte noch nicht definitiv bestimmt sind[5]).
• Durchführung einer OGD-Studie Schweiz durch die Berner Fachhochschule, die Beratungsfirma itopia ag (Zürich) und weitere Projektpartner gefördert von der Gebert Rüf Stiftung, um Potenzial, Risiken und Handlungsoptionen von OGD für die Schweiz zu untersuchen (Schlussbericht wird im Juni 2012 publiziert).
• Realisierung des ersten OGD-Portals der Schweiz durch die Stadt Zürich im Rahmen der Initiative „eZurich“[6] (voraussichtliche Live-Schaltung mit ersten offenen Datensätzen im Juni 2012).
• Durchführung der diesjährigen nationalen Open Data-Konferenz („opendata.ch 2012“) zur Vernetzung und weiteren Diskussion am 28. Juni 2012 in Partnerschaft mit der Stadt Zürich (Initiative „eZürich“) im Hotel X-TRA.

Grundlagen erforschen

Behördendaten haben oft ein gesellschaftspolitisches und wirtschaftliches Nutzenpotenzial, das weit über den gesetzlich vorgegebenen Verwendungszweck hinausgeht. Sie ermöglichen einerseits einen transparenteren Einblick in die Tätigkeit von Regierung und Verwaltung, andererseits die Entwicklung neuer Dienstleistungen durch Dritte. Die systematische Bereitstellung von maschinenlesbaren Behördendaten für freie Einsichtnahme und Wiederverwendung soll dieses Potenzial erschliessen. Den zuständigen Entscheidungsträgern in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft fehlt aber bis dato eine fundierte Grundlage, welche ihnen hilft, Potenzial, Wirkung und Risiken von OGD realistisch einzuschätzen. Eine mulidisziplinäre OGD-Studie soll diese Grundlage schaffen und Handlungsoptionen aufzeigen („OGD-Roadmap Schweiz“).

Anfang November 2011 hat die Gebert-Rüf-Stiftung das Projektgesuch der Berner Fachhochschule (BFH) zusammen mit der Firma itopia ag (Zürich) und weiteren Partnern zur Durchführung einer OGD-Studie Schweiz bewilligt. Sie ist das Initialprojekt für ein grösseres Programm im Bereich OGD und liefert die Grundlage für zahlreiche neue Forschungs-, Entwicklungs- und Ausbildungsprojekte in den kommenden Jahren.

OGD ist ein neues, viel versprechendes Gebiet namentlich für die informationstechnisch hochentwickelte Schweiz. Für eine fruchtbare Erschliessung sind praxisnahe und multidisziplinäre Forschung und Entwicklung sowie neue Ausbildungsangebote der Verwaltungswissenschaften, der Informatik, der Betriebswirtschaft, der Sozialwissenschaften und der Arbeits- und Organisationspsychologie erforderlich – ideale Projektthemen namentlich für Fachhochschulen.

Angesichts der spürbar zunehmenden Erwartungen der Schweizer Öffentlichkeit in Richtung höherer Effizienz und Transparenz der Verwaltung sowie des rasanten Tempos, das mehrere europäische Länder sowie die USA auf diesem Gebiet anschlagen, besteht ein zeitlicher Druck, diese Grundlage den Entscheidungsträgern möglichst rasch zur Verfügung zu stellen. Ein Team hochqualifizierter Experten wird unter der Leitung der Berner Fachhochschule bis Ende Juni 2012 die Resultate der Studie der Öffentlichkeit vorlegen.

Machen, was möglich ist

Der Nutzen von OGD zeigt sich erst, wenn damit Anwendungen und Visualisierungen entwickelt werden. Um herauszufinden, was anhand bereits zur Verfügung stehender Daten in der Schweiz möglich ist, und um mit den Ergebnissen die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, initiierten Vertreter der OGD-Bewegung Schweiz letzten Herbst unter dem Titel „make.opendata.ch“ das erste nationale OGD-Camp. Ein Camp – auch Hackday oder Hackathon genannt – ist ein Anlass, an dem Tüftler, Vermittler und Denker zusammenkommen, um in interdisziplinären Teams an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten. Dabei ist die Mitwirkung von Daten- und thematischen Spezialisten der Verwaltung sehr gewinnbringend. Alleine mit der Vernetzung des auf verschiedenen Ebenen bereits vorhandenen Wissens, der Kompetenzen und der Fähigkeiten ist bereits viel gewonnen.

Das erste Camp fand vom 30. September bis 1. Oktober 2011 zeitgleich an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und an der EPFL in Lausanne statt. Das Interesse war enorm und statt der ursprünglich erwarteten 50 nahmen 120 Interessierte aus der ganzen Schweiz teil. Unterstützt wurden die versammelten Macher von einer Gruppe von Spezialisten, welche die konkrete Umsetzung der verschiedenen Ideen mit Rat und Tat begleiteten. Mittels Präsentationen zu relevanten Technologie- und Design-Themen wurde das nötige Wissen vermittelt.

Die Teilnehmer hatten Zugriff auf einige lokale, nationale sowie internationale Datensätze. Die Stadtverwaltung Lausanne stellte eigens für das Camp Daten zum Energieverbrauch aller Gebäude zur Verfügung, während die Stadt Zürich mit dem Prototypen des OGD-Portals im Rahmen der eZürich-Initiative Zugang zu verschiedenen Datensätzen schuf. Auf dieser Basis konzipierten die Teilnehmer über 20 meist auf die Schweiz bezogene Projekte. Eine grosse Schwierigkeit bestand darin, dass die Datensätze in den unterschiedlichsten Formaten gespeichert waren und zuerst mit Hilfe von Software-Tools konvertiert werden mussten. Trotz dieser technischen Hürden resultierten innerhalb von zwei Tagen 11 funktionsfähige OGD-Anwendungen, die im Web frei zugänglich gemacht wurden.[8] Die folgenden Beispiele zeigen das weite Spektrum der Projekte:
• „Gesagt im Parlament“ analysiert die Vorstösse der Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier seit 1995 und zeigt, welche Begriffe von wem am meisten benutzt wurden.[9]
• „SwissMap“ erlaubt es per Mausklick, verschiedene Statistiken (u.a. Arbeitslosenanteil, Ausländeranteil, Einkommen) miteinander zu verbinden und für die verschiedenen Kantone darzustellen.[10]
• „Where Did My Taxes Go“ basiert auf Daten der Stadt Zürich und zeigt den Benutzern, welcher Anteil ihres individuellen Steuerbetrags im Jahr 2010 in welchen Bereich investiert wurde.[11]
• „Swiss Army Contaminated Sites“ visualisiert Statistiken des VBS und zeigt auf einer Karte die mit militärischen Altlasten belasteten Standorte an.[12]
• „How Green Is My Street“ basiert auf Daten der Stadt Lausanne und macht es möglich, den Energieverbrauch einzelner Strassenzüge von Lausanne miteinander zu vergleichen.[13]

Ideen und Know-how einbringen

Anwendungen und Visualisierungen wie die aufgeführten sind Pionier-Projekte, die geholfen haben auszuloten, was mit den im letzten Herbst vorhandenen Daten bereits möglich ist. Insbesondere trat dabei auch der Bedarf nach einer stärkeren Beteiligung von Daten- und thematischen Spezialisten der Verwaltung für die kommenden make.opendata.ch-Anlässe zu Tage. Die nächste Möglichkeit dazu bietet sich am 30./31. März 2012 in Zürich und Genf. Während beim Anlass im vergangenen Herbst kein Thema vorgegeben war, stehen dieses Mal Ideen, Fragestellungen, Daten, Anwendungen und Visualisierungen aus dem Bereich „Mobilität“ im Zentrum. Alle Interessierten sind eingeladen, sich via folgendes Formular unverbindlich für den make.opendata.ch-Anlass in Zürich oder Genf voranzumelden: zum Formular [ https://docs.google.com/a/opendata.ch/spreadsheet/viewform?formkey=dEp1YjJ3OGRUQlYzbjdxVzN0bzc4Z3c6MQ ]

Zu den Autoren:

• André Golliez ist Präsident des Vereins Opendata.ch und Managing Partner bei der itopia ag – corporate information technology.

• Franziska Oeschger & Oleg Lavrovsky sind Mitglieder des Vereins Opendata.ch und Mitorganisatoren der make.opendata.ch-Camps.

• Andreas Amsler ist Vorstandsmitglied des Vereins Opendata.ch, Mitorganisator der make.opendata.ch-Camps und Business Developer bei der Liip AG.

Links

[1] Siehe www.opendata.ch und http://opendata.ch/opendata-ch-2011-materialien/
[2] Siehe http://make.opendata.ch/
[3] Siehe http://www.egovernment-symposium.ch/default.asp?V_SITE_ID=7
[4] Siehe http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20113871http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20113884 und http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20113902
[5] Interessierte Städte, aber auch Kantone, sind eingeladen, sich beim Verein Opendata.ch zu melden: [email protected]
[6] Siehe http://www.ezuerich.ch/content/ezh/de/index.html
[7] Siehe http://opendata.ch/2012/01/verein-opendata-ch-offiziell-gegrundet-manifest-und-agenda-2012/
[8] Siehe http://make.opendata.ch/
[9] Siehe http://gesagt-im-parlament.ch/
[10] Siehe http://swissmap.bitfondue.com/
[11] Siehe http://wheredidmytaxesgo.nelm.io/
[12] Siehe: http://lab.interactivethings.com/swiss-army-contaminated-sites/
[13] Siehe: http://opendata.utou.ch/lausanne/