Die wachsende Verflechtung von städtischen und ländlichen Räumen sowie neue Bundespolitiken wie die Agglomerationspolitik, die Neue Regionalpolitik, die Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen (NFA) oder auch die Weiterentwicklung der Agrarpolitik haben die TAK veranlasst, sich näher mit den Beziehungen zwischen Stadt und Land zu befassen. Die Studie soll zum einen das Verständnis für die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen städtischen und ländlichen Räumen fördern und zum anderen aufzeigen, wie das Stadt-Land-Verhältnis verbesser t und wie eine optimale Entwicklung von städtischen und ländlichen Räumen erreicht werden kann. Vier Fallbeispiele in den Regionen Sierre/ Crans-Montana, Lausanne, Chur/Viamala und Obersee (Kantone Zürich, St.Gallen, Schwyz und Glarus) wurden unter Einbezug der direkt beteiligten Akteure untersucht. Zwei Expertengruppen begleiteten die Erarbeitung der qualitativen und explorativen Studie.

Dynamik der Stadt-Land-Beziehungen

Drei sich überlagernde Phänomene prägen die Stadt-Land-Beziehungen:

Erstens wird die ungleiche Entwicklung von Stadt und Land durch eine gegenläufige Bewegung verstärkt : Die Unterstützung von Bund und Kantonen ermöglicht es den Agglomerationen, ihre Entwicklungsprobleme anzugehen und ihre Position zu stärken. Gleichzeitig führen der Strukturwandel in der Landwirtschaf t und in der Gesellschaft, insbesondere die Abwanderung von qualifizierten Jungen, sowie der wachsende Druck durch urbane Freizeit- und Erholungsbedürfnisse dazu, dass die ländlichen Räume die Kontrolle über ihre Entwicklung verlieren.

Zweitens wächst die Verflechtung von Stadt und Land, da beide um die gleichen Entwicklungsfaktoren konkurrieren, nämlich um Wohnbevölkerung und Arbeitsplätze. Dies führt dazu, dass städtische und ländliche Räume unter denselben Symptomen einer Fehlentwicklung leiden: Zersiedlung, Verkehrsüberlastung, Umweltbelastung (1) .Als logische Folge unterstützen Stadt und Land gemeinsam die ständige Verbesserung der Mobilität, was die Fehlentwicklung weiter verstärkt.

Drittens bestehen ungelöste Spannungen zwischen zwei politischen Zielsetzungen: der Konzentration der Siedlungsentwicklung und dem Erhalt der dezentralen Besiedlung. Die ungleiche Entwicklung, die Konkurrenz und die gegenseitige Abhängigkeit führen dazu, dass die Wechselbeziehungen zwischen Stadt und Land labil und nicht im Gleichgewicht sind.

Denk- und Handlungsansätze für eine bessere Abstimmung

Ziele: Die Abstimmung der Agglomerationspolitik mit der Politik des ländlichen Raums sollte darauf abzielen, die Wechselbeziehungen zwischen Stadt und Land zu stabilisieren und in ein Gleichgewicht zu bringen – was die Autoren der Studie als «Komplementarität von Stadt und Land» bezeichnen. Diese Komplementarität setzt voraus, dass die gegenseitige Abhängigkeit der Entwicklung von Stadt und Land anerkannt und die Wechselbeziehungen systematisch untersucht werden. Es gilt der Versuchung zu widerstehen, Stadt und Land als isolierte Räume zu betrachten. Vielmehr muss beiden Seiten bewusst werden, dass die aktuelle Entwicklung das Risiko in sich birgt, dass letztlich alle verlieren könnten.

Stossrichtungen: Eine Politik der komplementären Entwicklung von Stadt und Land muss hauptsächlich auf drei Ebenen ansetzen: bei der Klärung der erwünschten Beziehungen zwischen Stadt und Land auf nationaler Ebene, bei der Förderung der Zusammenarbeit zwischen Stadt und Land auf regionaler Ebene und bei der Stärkung der Handlungsfähigkeit der kommunalen Akteure, insbesondere im ländlichen Raum.

Zuständigkeiten: Bund, Kanton und Gemeinden stehen gleichermassen in der Verantwortung. Auf Bundesebene gilt es, die politischen Ziele der Konzentration einerseits und der Dezentralisierung andererseits in Einklang zu bringen. Das Instrument des Raumkonzepts Schweiz bietet eine gute Gelegenheit, die Komplementarität von Stadt und Land zu konkretisieren. Der Bund ist zudem gefordert, seine Politiken (Agglomerationspollitik, neue Regionalpolitik, Sektoralpolitik) besser aufeinander abzustimmen, um den Verflechtungen zwischen städtischen und ländlichen Räumen gerecht zu werden. Schliesslich ist auf Bundesebene eine Politik zu entwickeln, welche die Rolle und die spezifischen Funktionen der ländlichen Räume in der Produktion von kollektiven ökologischen und gesellschaftlichen Gütern wie Luft, Wasser, landschaftlicher Vielfalt und Biodiversität anerkennt und festigt. Für eine nachhaltige Entwicklung der Schweiz ist dies unerlässlich (2). Der übermässige individuelle Konsum dieser kollektiven Güter verlangt einen Rahmen, der ihre Reproduktion zu einem angemessenen Preis ermöglicht und damit kurz-, mittel- und langfristig sichert (3). Die Kantone sind aufgefordert, die horizontale und vertikale Zusammenarbeit in funktionalen Räumen zu fördern und die Nutzen und Lasten der Entwicklung angemessen zu verteilen. Zudem müssen die Kantone durch direkte Unterstützung oder institutionelle Reformen die Handlungsfähigkeit und die Zusammenarbeit der Gemeinden stärken, insbesondere im ländlichen Raum. Die Gemeinden sollten die interkommunale Zusammenarbeit – innerhalb von städtischen und ländlichen Räumen sowie zwischen Stadt und Land – verstärken, damit sie die Instrumente und Unterstützungsmöglichkeiten von Bund und Kantonen nutzen können. Gemeinden und Kantone müssen zudem im Rahmen ihrer Entwicklungsstrategien für städtische und ländliche Räume Lösungen für die Komplementarität von Stadt und Land entwickeln und umsetzen.

Fussnoten:
(1) Zermat und St.Moritz müssen pro Einwohner eine überdurchschnittlich hohe Abfallmenge entsorgen. Quelle: Tages-Anzeiger vom 10.
Juni 2009, Seite 28.
(2) Siehe dazu die Vorschläge der Schweizerischen Gemeindeverbands, in: Zehn Thesen zur Bedeutung des Ländlichen Raumes in der Schweiz.
(3) Siehe dazu Dominique Bourg, Imaginons une bio-Constitution pour servir de planète, Le Monde, 29.April 2009.

Zu den Autoren:

Laurent Thévoz, hat Geografie studiert und besitzt ein Master of Public Administration. Im Rahmen der CEAT beschäftigt er sich insbesondere mit raumwirksamen Politiken, territorialer Governance und partizipativen Prozessen. In diesen Themenbereichen ist er auch in Entwicklungsländern tätig.

Thomas Berz, hat Geografie und Soziologie studiert. Er arbeitet als Projektleiter in den Bereichen Raumplanung und Regionalentwicklung für die Berz Hafner + Partner AG in Bern. Er ist stellvertretender Geschäftsführer der Region seeland.biel/bienne.

Quelle:
Orginalartikel erschienen in: Forum Raumentwicklung 2/09: Städte und Agglomerationen

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Hinweis zur Studie:
Berz Hafner + Partner AG, CEAT: Abstimmung der Agglomerationspolitik mit der Politik des ländlichen Raums. Bericht vom 13. Mai 2009 zu Handen der Tripartiten Agglomerationskonferenz TAK. www.tak-cta.ch