Das Institut für Nachhaltige Entwicklung der ZHAW führte in Kooperation mit der ETH, der HSLU, der Stiftung Ökopolis, den Städten Baden, Illnau-Effretikon und Winterthur und den Gemeinden Lengnau AG und Wiesendangen ein vierjähriges KTI-Forschungsprojekt durch. Die Ergebnisse wurden im praxisorientierten Leitfaden „Nachhaltigkeitsorientierte Führung von Gemeinden“ zusammengefasst. Die 2010 erschienene Publikation gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Praxis und zeigt auf, wie sich eine Gemeinde zielstrebig auf den Weg der nachhaltigen Entwicklung machen kann. Im Speziellen wurde ein Führungsmodell für Gemeinden entwickelt und ein Methodenkoffer mit Instrumenten zur Unterstützung erarbeitet.

Anstehende Herausforderungen wie Finanzierung der Infrastruktur, Erhaltung des Milizsystems, strukturelle Armut, Überalterung oder Umweltschäden verlangen ein Umdenken und langfristig orientiertes Handeln in der kommunalen Politik. Entscheide müssen in konfliktreichen Situationen getroffen, Ressourcen am richtigen Ort eingesetzt und Vertrauen in die Behörden gepflegt werden. Immer häufiger wird von „nachhaltiger Entwicklung“ als Antwort auf diese Situation gesprochen, allzu oft bleibt es aber beim Schlagwort.

Um ein Dorf oder eine Stadt nachhaltigkeitsorientiert führen zu können, muss die Politik und die Verwaltung die kurz- und langfristigen Auswirkungen ihres Handelns auf die Umwelt, die Wirtschaft und die Gesellschaft sowie deren Wechselwirkungen gleichwertig berücksichtigen. Zudem sind die Interessen aller Betroffenen über die Gemeindegrenzen hinaus zu berücksichtigen. Diese Anforderungen können nicht von heute auf morgen erfüllt werden. Nachhaltigkeitsorientierung bedingt einen Kulturwandel, der in der Übergangsphase einen Mehraufwand verursacht. Dabei werden finanzielle und personelle Ressourcen umgelagert, was Widerstand auslösen kann. Dem Aufwand steht ein grosses Nutzenpotential gegenüber: So bringt die Nachhaltigkeitsorientierung einen Imagegewinn für die Gemeinde, stärkt das Engagement für Freiwilligen- und Milizarbeit und fördert den zielgerichteten Einsatz knapper Ressourcen, um hier nur drei von neun im Buch beschriebenen Nutzenpunkte zu erwähnen. Ein ideales Kosten-Nutzen-Verhältnis erreicht man, indem die Nachhaltigkeitsorientierung in den Führungsalltag integriert wird. So muss kein neues Führungssystem eingeführt werden, sondern die bestehenden Prozesse können um die Prinzipien der Nachhaltigkeit erweitert werden.


Neues Führungsmodell (NOGF
[1]-Modell)

In der Schweiz fehlte bis jetzt ein Führungsmodell für Gemeinden, das sowohl bei Kleingemeinden als auch bei grösseren Städten anerkannt ist. Aus diesem Grund wurde das NOGF-Modell entwickelt. Es basiert auf der Analyse von bestehenden Gemeindeführungsmodellen sowie auf normativen Konzepten wie dem St. Galler Management Modell oder dem New Public Management (NPM). Das Führungsmodell kann sowohl in Gemeinden mit als auch ohne NPM angewendet werden. Es dient als Orientierungsraster für Personen, die in Politik oder Verwaltung Führung wahrnehmen, damit sie ihre Aktivitäten betreffend nachhaltiger Entwicklung einordnen können. Dazu definiert und strukturiert es die diesbezüglich relevanten Komponenten unter Einbezug des Nachhaltigkeitspostulats. Im Zentrum des Modells steht der geschlossene Führungskreislauf (siehe Abbildung 1: Planung, Datenerfassung, Berichterstattung, Steuerung), da er gute Voraussetzungen für eine ständige Erfolgskontrolle und eine Optimierung der Abläufe schafft. Die Ausrichtung auf den «Leitstern Nachhaltigkeit»[2] sollte überall im Führungskreislauf vorgenommen und die entsprechenden Massnahmen aufeinander abgestimmt werden.

 

Abbildung 1
Abbildung 1: NOGF-Modell: Orientierungsraster zur Einordnung der Aktivitäten betreffend nachhaltiger Entwicklung in der Gemeindeführung. Das Modell fördert die Kontinuität und das Bewusstsein für die verschiedenen Zeithorizonte im Führungsprozess.


Umsetzung

Neben dem NOGF-Modell als Orientierungsrahmen und den nachhaltigkeitsorientierten Instrumenten finden sich im Leitfaden viele hilfreiche Informationen zur Umsetzung: so zum Beispiel eine Frageliste zur Einschätzung der eigenen Gemeinde, Hinweise auf Erfolgsfaktoren und Stolpersteine oder viele praktische Beispiele mit Kontaktangaben. Auf der Website www.nachhaltigegemeinden.ch können ausserdem alle öffentlich zur Verfügung stehenden Instrumente, Dokumente und Literaturhinweise downgeloadet werden.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die Nachhaltigkeitsorientierte Gemeindeführung (NOGF) vor allem dann Erfolg hat, wenn sie den lokalen Verhältnissen angepasst in den Führungsalltag integriert werden kann und zyklisch hinterfragt wird. Bei der Einführung von NOGF sind u. a. folgende sechs Schritte wichtige:

  1. Die Exekutive muss sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen und einen offizielle Beschluss fassen.
  2. Eine Projektorganisation und ein Budget müssen werden erstellt.
  3. Eine Bestandesaufnahme ist Voraussetzung für ein gemeindespezifisches Vorgehen.
  4. Von der Kick-off Veranstaltung hängen der weitere Verlauf des Projekts und die Motivation der Mitarbeitenden ab.
  5. Die Einstiegsprojekte müssen sorgfältig ausgewählt werden.
  6. Das letztendliche Ziel ist es, dass die NOGF personenunabhängig verankert und zur Verwaltungskultur wird.

Zur Unterstützung von Gemeinden, die sich nachhaltig orientieren wollen, haben die Forschungs- und Praxispartner im Anschluss an das Projekt das Kompetenzzentrum für nachhaltige Gemeinden (KNG) gegründet.

 

Situation in den Deutschschweizer Gemeinden

Allgemein kann festgehalten werden, dass der Stand der Nachhaltigkeitsorientierung einer Gemeinde zurzeit nicht von deren Grösse, deren Kantonszugehörigkeit oder deren Raumtyp abhängt. Daraus kann geschlossen werden, dass alle Gemeinden geeignet sind, sich Richtung Nachhaltigkeit zu orientieren. Gemeinden, die das Label Energiestadt besitzen oder viele NPM-Elemente implementiert haben, haben jedoch eine bessere Voraussetzung zur NOGF. Von den Deutschschweizer Kantonen sind besonders Bern und Solothurn zu erwähnen, die beide seit einigen Jahren ihre Gemeinden animieren, sich nachhaltig zu entwickeln. Als negatives Beispiel muss der bevölkerungsreichste Kanton Zürich erwähnt werden, der seine Gemeinden zwar in der Kantonsverfassung zur nachhaltigen Entwicklung verpflichtet, aber keine Hilfestellung zur Verfügung stellt. Trotz dieser Tatsache liegen zwei Vorzeigegemeinden im Kanton Zürich, die beide mit der Ausrichtung auf die Nachhaltigkeit über zehn Jahre Erfahrung haben: Thalwil (dieses Jahr erscheint dazu das Buch „Zürcher Modell der nachhaltigen Gemeinde“) und Illnau-Effretikon. Beide Gemeinden sind ein Beispiel dafür, dass die erfolgreiche Einführung einer Nachhaltigkeitsorientierten Gemeindeführung im Einzelfall nicht primär von der Unterstützung durch den Kanton abhängt. Sehr oft läuft sie über Fahnenträgerinnen und Fahnenträger in der Exekutiv und der Verwaltung, die vorangehen, die Richtung anzeigen und den nötigen Optimismus einbringen. 

Kompetenzzentrum für nachhaltige Gemeinden (KNG)

Das KNG wurde im Anschluss an das vierjährige Forschungsprojekt „NOGF – Nachhaltigkeitsorientierte Gemeindeführung“ von Experten aus Praxis und Wissenschaft zur Unterstützung von Gemeinden gegründet, die sich Richtung Nachhaltigkeit entwickeln wollen. Das KNG pflegt das NOGF-Netzwerk zu führenden Gemeinden, Hochschulen, Unternehmen, Kantonen, Bundesstellen, Vereinen, Verbänden, Stiftungen und NGOs im Bereich „nachhaltige Entwicklung und Gemeindeführung“ in der Deutschschweiz und entwickelt den Leitfaden weiter.

Kontakt: ZHAW INE, Kompetenzzentrum für nachhaltige Gemeinden, Jonas Fricker, Jägerstr. 2, Postfach, 8401 Winterthur, Telefon 058 934 78 15, [email protected], www.nachhaltigegemeinden.ch

Zum Autor:
Jonas Fricker, Leiter des Kompetenzzentrums für nachhaltige Gemeinden (KNG) und des KTI-Forschungsprojekts „NOGF – Nachhaltigkeitsorientierte Gemeindeführung“, Institut für Nachhaltige Entwicklung (INE), Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), 058 934 78 15

Quelle:
Jonas Fricker, Evelyn Kägi, Markus Kunz, Urs Müller, Bernhard Schwaller
Nachhaltigkeitsorientierte Führung von Gemeinden: Einführung und Leitfaden für die Praxis
2010. 126 Seiten, broschiert, CHF 27.– Verlag Rüegger, ISBN 978-3-7253-0942-9
www.nachhaltigegemeinden.ch; Flyer

Fussnoten:
[1] NOGF = Nachhaltigkeitsorientierte Gemeindeführung
[2] Die Nachhaltigkeit wird als «Leitstern» verstanden, der zwar nie vollständig erreicht wird, aber als richtungweisender Orientierungspunkt dienen soll, ähnlich den Navigationssternen in der Schifffahrt. Idealerweise etabliert sich in einer Gemeinde eine nachhaltige Politik- und Verwaltungskultur, die folgende elf kulturelle Anforderungen beinhaltet: Wandlungsfähigkeit und konstante Lernorientierung, Zukunftsorientierung, Denken in Kreisläufen, Mitverantwortung übernehmen, Ressourcenorientierung, Interdisziplinäre Arbeitsweise, Transparente Information, Partizipation, Konsensorientierung, Beschränkung auf das Wesentliche, Handlungsorientierung.