Im Jahre 2003 wurde die gesamte kommunale Stromversorgung der Schweiz einer umfassenden Analyse unterzogen. Es war dies neun Monate nach dem Nein des Schweizervolkes zum Elektrizitätsmarktgesetz (EMG).

Am 23. März 2007 beschlossen die eidgenössischen Räte das Stromversorgungsgesetz (StromVG), welches am 01. Januar 2008 in Kraft gesetzt wurde. Neben zahlreichen weiteren Regelungen wurde erstmals ein Regulator, die Elektrizitätskommission (ElCom), definiert und eingesetzt. Die weitreichenden Kompetenzen sind für den schweizerischen Strommarkt eine Novität.

Es bot sich an, im Jahr 2009, also im ersten Jahr der Strommarktliberalisierung (Phase 1; Kunden mit einem jährlichen Strombedarf von über 100’000 kWh können den Stromlieferanten frei wählen) und vor der Phase 2 (Haushalte; voraussichtlich per 01.01.2014) zu erfassen, was sich in den vergangenen rund fünf Jahren in den Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) verändert hat. Diese Untersuchung beschäftigt sich mit der Steuerung von EVU, worunter die betriebliche Steuerung verstanden wird. Dies als Präzisierung für die Techniker in der Branche, welche unter dem Begriff Steuerung die physische Strombehandlung verstehen.

Rechtsformänderungen: In der Phase zwischen 1995 und 2003, in der die Liberalisierung schrittweise geprüft, das Elektrizitätsmarktgesetz entwickelt und letztlich im September 2002 abgelehnt wurde, fand in der Schweiz eine rege Unternehmensentwicklung bei den EVU statt. Oft wurde dies zusammen mit einer Rechtsformänderung durchgeführt. Die grösste Zahl der Überführungen in privatrechtliche Aktiengesellschaften fand in diesem Zeitraum statt, wobei in den meisten Fällen das gesamte Aktienkapital in der öffentlichen Hand verblieb.

Professionalisierung: Zwischen 2003 und 2009 fanden zwar auch noch Rechtsformänderungen statt. Oft kam dabei aber die selbständige öffentlich-rechtliche Anstalt zu Anwendung, bei welcher das Dotationskapital beim Eigentümer – dem Staat – verblieb. Bei der selbständigen Anstalt ist der eigenständige Auftritt des EVU durch den Handelsregistereintrag und die Ausrichtung auf den Kunden gut möglich. Trotzdem verbleibt die Verantwortung vollumfänglich in öffentlicher Hand. Noch wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass in der genannten Phase vor der Öffnung des Strommarktes für die Phase 1 eine Professionalisierung der EVU festzustellen ist. Der Druck des Gesetzgebers, das Netzentgelt auf der Grundlage einer Kostenrechnung und nach Geschäftsbereichen (Handel getrennt vom Netzbetrieb) zu kalkulieren, führte zu einer innerbetrieblichen Prüfung und Entwicklung der Strukturen. Dies war die Grundlage zur verbreiteten Einführung von organisatorischen Hilfsmitteln (z.B. Funktionendiagramm).

Effizienzsteigerung: In der Zeit zwischen 2003 und 2008 ist im Weiteren eine Effizienzsteigerung festzustellen. Betrug die Anzahl Mitarbeiter pro Kilometer Netz im Jahre 2003 0.10 Mitarbeiter pro Km, so betrug der gleiche Wert für 2008 0.08. Dieser Wert (arithmetisches Mittel) zeigt eine Verbesserung der Effizienz auf.

Kosten StromVG: Die Auswertung der Antworten zum Thema Kosten der Umsetzung des StromVG brachten folgende Erkenntnisse zu Tage: Die kommunalen EVU haben, konservativ hochgerechnet, rund CHF 70 Mio. für die Umsetzung des StromVG ausgegeben. Darin nicht einbezogen sind die Kosten der kantonalen Werke, der Produktionswerke und auch nicht die Kosten für die Installierung von Swissgrid und ElCom. Bezüglich der einmaligen Kosten rechnen die Geschäftsführer damit, dass die Umsetzung des StromVG zu jährlich wiederkehrenden Kosten von hochgerechnet rund CHF 30 Mio. führen wird. Die Erfüllung der administrativen Vorgaben führt in den kommunalen EVU zudem zu einer Ausweitung des Stellenplans bzw. Mehrkosten im Falle der Auslagerung. Ein EVU mit rund 10‘000 Zählern (ca. 100 GWh) wird mit einem Mehraufwand von ca. 100 Stellen-% rechnen müssen. Ein EVU, das über 300 GWh absetzt, wird gar über 200-% Stellen  mehr an Pensum einplanen müssen.

Als Quasi-Standard haben sich die Software-Pakete Abacus und NEST-ISE etabliert, welche in den EVU < 300 GWh zu über 60 % der Fälle im Einsatz ist. Bei den grossen kommunalen EVU und in vielen kantonalen Werken kommt SAP zum Einsatz.

Bedeutung der Strommarktliberalisierung: Vergleichbar mit 2003 wird die Notwendigkeit der StromVG durch Geschäftsführer eingeschätzt: Wird sie für den Hoch- und Mittelspannungsbereich als wichtig eingestuft, so wird sie für den Niederspannungsbereich als unwichtig eingeschätzt. Für die Phase 2 der Strommarktliberalisierung  sind 75 % der Geschäftsführer der Auffassung, dass dies unwichtig bzw. weniger wichtig ist.

Unternehmensstrategie: Wie 2003 ist auch 2009 eine positive Korrelation zwischen Unternehmensgrösse (Stromabsatz) und der Bedeutung einer Unternehmensstrategie zu erkennen. Sind rund 20 % der kleinsten EVU (< 10 GWh) der Auffassung, dass es wichtig bzw. eher wichtig ist, eine Unternehmensstrategie zu haben, so sind 100 % der grossen Unternehmen (> 300 GWh) der Meinung, dass es wichtig bzw. eher wichtig ist, eine Unternehmensstrategie zu haben. Die meisten strategischen Gremien (Boards) verfügen über 5 – 9 Mitglieder und bei den meisten EVU ist auch der Eigentümer direkt im Board vertreten. In der Regel geschieht dies mitteils eines Mitglieds der Exekutive.

Steuerung und Steuerungsinstrumente: Zur Steuerung von EVU geben die Geschäftsführer und Betriebsleiter zwischen 60 % (kleine EVU) bzw. rund 45 % (grosse EVU) an, von der Gemeinde kontrolliert zu werden. In Anbetracht der Verantwortung der Kommunen für die Sicherstellung der Versorgung ist bei diesen Stellungnahmen der EVU Handlungspotenzial erkennbar. Eigentümerstrategien sind bei den grossen EVU bereits zu 60 % im Einsatz. Bei den Werken mit einem Stromabsatz zwischen 30 und 100 GWh beträgt der Anteil jedoch nur rund 10 %. Diese Resultate sind so zu interpretieren, dass die Eigentümerinteressen heute in der Regel durch den persönlichen Einsitz von Exekutivmitgliedern im Board wahrgenommen werden. Bei der künftigen weiteren Entflechtung der Aufgaben wird das Instrument der Eigentümerstrategie also eine grössere Bedeutung erhalten.

Bei den Verhaltensrichtlinien (Umsetzung von Public Corporate Governance) ist insbesondere beim Instrument Risikomanagement, welches nur bei den grossen EVU flächendeckend eingesetzt wird, ein beträchtliches Defizit auszumachen: Bei den EVU mit einem Stromabsatz zwischen 10 und 30 GWh erachten nur rund 50 % der Geschäftsführer ein Risikomanagement als wichtig oder eher wichtig.

Bei der Zufriedenheit mit der eigenen Organisation ist seit 2003 gesamthaft eine leichte Verbesserung festzustellen.

Zu den Autoren:
Dr. Roger W. Sonderegger
Prof. Dr. Kuno Schedler

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