Governance-Richtlinien sind in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung vor allem deshalb notwendig geworden, weil die Komplexität im wirtschaftlichen und staatlichen Wirkungsfeld stark zugenommen hat. Komplexität beeinflusst sämtliche Dimensionen der Führung und ist ein bedeutendes Managementthema seit dem Start von Public Management. Insbesondere wird es auch in Zukunft die Forschung, Lehre und Praxis von Leadership und Management in Wirtschaft und Verwaltung intensiv beschäftigen. «Bei aller Verschiedenheit von Wirtschaftsunternehmen, Kran­kenhäuser, Universitäten und Verwaltungsbehörden ist ihnen gemeinsam, dass sie komplexe dynamische, nicht-lineare, probabilistische, vernetzte Systeme sind.» Fredmund Malik, Titularprofessor der Universität St. Gallen und Leiter des Malik Management Zentrums St. Gallen, hebt in seinem neusten Buch «Unternehmenspolitik und Corporate Governance» den Systemcharakter von komplexen Organisationen hervor. Die zunehmende Komplexität der Systeme wird es verunverunmöglichen, mit den bisherigen Managementmethoden und Führungsmodellen instabile Systeme zu verstehen, deren Probleme rasch und nachhaltig zu lösen und Entscheide zu fällen, deren Folgewirkungen verantwortbar sind. «Das Hauptproblem des 21. Jahrhunderts», so Malik, «wird ‹Unmanageable Systems› heissen. (…) Ein Beispiel sind die internationalen Finanzmärkte, von denen die besten Kenner sagen, dass sie zu komplex geworden sind, um sie zu verstehen und dass die sogenannten Systemrisiken nicht durchschaubar sind. Internationaler Terror, Drogenszene, Radikalisierung, Fundamentalismus und Internet sind weitere Beispiele.»

Das heutige Management tendiert dazu, komplexe Situationen zu strukturieren, zu vereinfachen und mittels technischen, wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Instrumenten und Fähigkeiten in den Griff zu bekommen. Da Organisationen jeder Art und Grösse Systeme sind, deren Komplexität durch die Vernetzung mit anderen Systemen ständig zunimmt, reichen die herkömmlichen Managementmethoden in Zukunft nicht mehr aus. Das notwendige Wissen zur Führung von komplexen Systemen – und damit für praktisch jede Führungstätigkeit – werden Wissenschaften wie Kybernetik, Evolutionstheorie, Systemwissenschaf ten oder Bio- und Neurowissenschaften liefern. Für Malik wird Kybernetik als «die Wissenschaft vom Strukturieren, Steuern und Regulieren komplexer Systeme durch Information und Kommunikation» das Management der Zukunft prägen. Kybernetisches Management zeigt auf, welche Systeme komplexe Institutionen brauchen, welche Gesetzmässigkeiten zu verstehen sind und welche Erkenntnisse zu völlig neuem Verhalten und Handeln führen.

Kybernetisches Management

Kybernetisches Management setzt eine «Revolution der grundlegenden Kategorien» des Wissens und von dessen Anwendung zum Verständnis und zur Steuerung von komplexen Systemen voraus. Wissen und Information ersetzen Macht und Geld, wie Malik am einfachen Beispiel der Geschäftstätigkeit von ausländischen Unternehmen in China zeigt, wo ohne das nötige Wissen um das Funktionieren der komplexen Systeme das Geld der Investitionen rasch verloren ist. Dabei geht es nicht um das herkömmliche Sachwissen, sondern um das komplexe Systemwissen, welches auf Kybernetik als «Wissenschaft vom Regulieren und Funktionieren» beruht. «Auf der Sachebene», so Malik, «geht es also um das Betreiben von Geschäften, auf der Lenkungsebene hingegen um das Gestalten eines Systems für das Betreiben von Geschäften und um das Gestalten von Systemen für ganze Geschäftssysteme.»

Drei Dimensionen sind in der Systempolitik für die Führung von Organisationen, Unternehmen oder anderen gesellschaftlichen Institutionen zu differenzieren: Erstens, das Unternehmenskonzept als Antwort auf die Frage, WAS die Organisation tun soll. Zweitens, das Umweltkonzept, das Bezug nimmt auf die Frage, WO die Organisation operiert und welches die relevanten Bezugsgruppen sind. Und drittens, das Führungskonzept, WIE das Managementsystem funktionieren soll und wie die Führungskräfte ihrer Tätigkeit nachgehen sollen. Malik sieht den übergeordneten Zweck von Unternehmen in der «Transformation von Ressourcen in Kundennutzen» und generell ist der «Zweck von gesellschaftlichen Institutionen (…), erwünschte Veränderung zu bewirken, bei Menschen und in der Gesellschaft».

Für ihn geht es primär in Richtung «Customer-Value statt Shareholder-Value» und «Konkurrrenzfähigkeit statt Wertsteigerung». Gewinn sieht er in Zukunft lediglich als Steuerungsinformation für die «managerielle Navigation» der Effektivität und Effizienz des unternehmerischen Handelns. Hingegen ist die Ausrichtung auf Kundennutzen im weitesten Sinn die konsequente Art und Weise der Führung von Unternehmen durch die zukünftige Komplexität des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeldes. Zu diesem Zweck ist, wie Fredmund Malik es formuliert, ein «kategorialer Wandel» notwendig, ein «Wandel von der Geldgesellschaft zur Komplexitätsgesellschaft, vom ökonomischen Gewinnmaximierungs-Denken zur Architektur von lebensfähigen Systemen».

Quelle:

Artikel aus dem EPA-Letter Public Management (2/2008)

Zum Autor:

Dr. Heinrich Bischoff, BMC Briefing AG (Zürich)

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