In der Hollywoodkomödie «What Women Want» gerät Mel Gibson in die Situation, dass er hören kann, was Frauen denken. Ganz so weit kann und will die Internet-Plattform «smartvote» nicht gehen. Aufgrund einer eingehenden Befragung von Politikerinnen und Politikern zu Einstellungen und Sachthemen konnte sie aber die politischen Positionen von Frauen und Männern ermitteln und vergleichen.

Das Fazit: Frauen und Männer nehmen eindeutig unterschiedliche Positionen ein. Dabei fallen die Unterschiede aber im kompakten links-grünen Lager deutlich geringer aus als im weit gefächerten Bürgerblock. Es zeigte sich aber auch, dass die politischen Positionen hauptsächlich durch die Parteizugehörigkeit (Ideologie bzw. politische Ziele und Werte) und nicht durch das Geschlecht bestimmt werden.

Dies mag banal klingen, führt aber vor Augen, weshalb die Appelle an die Solidarität unter Frauen, die vor allem jeweils im Vorfeld von Bundesratswahlen zu hören sind, wenig fruchten. Weshalb sollten linke Frauen einer Frau ihre Stimme geben, die am anderen Ende des politischen Spektrums angesiedelt ist? Diese Erfahrung machten sowohl Ruth Metzler (gegen Joseph Deiss) als auch Rita Fuhrer (gegen Samuel Schmid).

Die «smartvote»-Daten

Die Online-Wahlhilfe «smartvote» wurde für die National- und Ständeratswahlen 2003 entwickelt und kam auch im März bei den St. Galler und Thurgauer Kantonalwahlen zum Einsatz. Von den insgesamt 1731 Kandidierenden dieser beiden kantonalen Wahlen haben rund 1200 den «smartvote»-Fragebogen mit 55 politischen Sach- und Einstellungsfragen beantwortet. Darunter befanden sich 357 Kandidatinnen.

Somit steht eine ausreichend breite Datenbasis für eine eingehende Analyse bezüglich der Positionen von Männern und Frauen der vier Bundesratsparteien sowie der Grünen zur Verfügung. Wie ein Vergleich mit den gesamtschweizerischen «smartvote»-Daten der Nationalratswahlen 2003 zeigt, können die Ergebnisse durchaus auf die nationale Ebene übertragen werden.

Dabei versteht sich von selbst, dass man Politikerinnen und Politiker nicht nur anhand von 55 Fragen beurteilen kann. Der politische Stil, die Sensibilitäten, die rhetorische Begabung, die politische Kultur und weitere «weiche» Faktoren gehören ebenfalls zu einem umfassenden Gesamtbild. Aus praktischen Gründen konzentriert sich dieser Beitrag jedoch auf die von den Kandidatinnen und Kandidaten deklarierten politischen Inhalte und Positionen. 


Politikerinnen sind «linker»

Aufgrund ihrer Antworten konnten die Kandidierenden im politischen Raum verortet werden. Dieser Raum, wie er von den Zürcher Sozialgeografen Michael Hermann und Heiri Leuthold entwickelt worden ist, wird durch zwei Achsen gekennzeichnet: Links-rechts und liberal-konservativ. Linke Positionen markieren autoritätskritische und am sozialen Verteilungsideal ausgerichtete Einstellungen, während die Rechte autoritätsfreundlicher ist und den Wettbewerb als Verteilungsmodus befürwortet. Konservative Positionen verschliessen sich dem Ausland, allem Fremden und auch institutionellen Reformen. Der liberale Gegenpol drückt eine weltoffene und reformfreudige Haltung aus

In der Grafik sind jeweils die Mittelwerte sowohl der Kandidatinnen als auch der Kandidaten der vier Bundesratsparteien sowie der Grünen abgebildet. Die eingefärbten Ellipsen markieren den Streuungsbereich, in dem sich jeweils rund zwei Drittel der Kandidatinnen bzw. Kandidaten einer Partei befinden. Auf den ersten Blick wird ersichtlich, dass bei allen Parteien die Frauen «linkere» Positionen einnehmen als die Männer. «Konservativer» als die Männer sind die Grünen- und die SVP-Frauen. Wie bereits erwähnt, liegen aber die Positionen von Männern und Frauen im links-grünen Spektrum wesentlich näher beisammen als bei den bürgerlichen Parteien.

Frauenthemen spalten FDP und CVP

In politischen Diskussionen ist immer wieder von «Frauenthemen» die Rede. Gemeint sind damit vor allem die Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch, die Einführung der Mutterschaftsversicherung oder die Bereitstellung von Kinderkrippenplätzen. Neben diesen drei Fragen wurde bei «smartvote» auch danach gefragt, ob es für die Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau weiterer politischer Massnahmen bedarf, und ob der Staat vermehrt Teilzeitstellen an bieten sollte, um so die Erwerbstätigkeit von Frauen zu fördern.

Tatsächlich kann bei diesen fünf Fragen eine einheitliche Frauenlinie ausgemacht werden. Die Kandidatinnen von CVP, FDP, SP und der Grünen unterstützen – wenn auch unterschiedlich intensiv – die Forderungen nach staatlich finanzierten Tagesschulen und Kinderkrippen, der Einführung der Mutterschaftsversicherung und der Schaffung von Teilzeitstellen für Frauen beim Staat. Ebenso befürworten sie die Fristenlösung und sind der Meinung, dass es weitere Massnahmen zur Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau braucht. Die SVP-Frauen tanzen etwas aus der Reihe. Sie sind lediglich bei der Frage der Teilzeitstellen und der Fristenlösung mit den anderen Frauen einig. Die übrigen Vorschläge lehnen sie zum Teil überaus deutlich ab.

Interessant ist, welche Unterschiede sich zwischen den Geschlechtern innerhalb der Parteien ergeben. Während bei der SP und den Grünen vollständige Harmonie zwischen Männern und Frauen zu herrschen scheint – bei keiner der fünf Fragen weicht die Haltung der Männer wesentlich von derjenigen der Frauen ab – und es auch bei den SVP-Männern und -Frauen bloss bei einer Frage (der Bereitstellung von Teilzeitstellen) zu unter schiedlichen Meinungen kommt, offenbaren sich bei der CVP und der FDP grössere Differenzen.

Die FDP-Frauen können lediglich bei der Fristenlösung mit Unterstützung durch ihre Männer rechnen, bei den übrigen vier Fragen gehen die Meinungen zwischen den Geschlechtern stark auseinander. Bei der CVP sind die Männer sogar bei allen fünf spezifischen «Frauenthemen» deutlich anderer Meinung als die Frauen, wobei sie sich bei der Einführung der Mutterschaftsversicherung und der Förderung von Teilzeitstellen für Frauen doch noch zu einer knappen Befürwortung durchringen können (die Frauen stimmen diesen Fragen sehr deutlich zu).

Im Hinblick auf die Volksabstimmung vom 26.September mit der Vorlage zur Mutterschaftsversicherung lassen die «smartvote»-Daten klare Muster erkennen: Die SP-Frauen stimmen der Mutterschaftsversicherung am deutlichsten zu, gefolgt von den SP-Männern, den Frauen der Grünen, deren Männern und den CVP- und FDP-Frauen. Die CVP-Männer können sich hingegen nur mässig für eine Mutterschaftsversicherung erwärmen, während die FDP-Männer unentschieden mit einer leichten Tendenz zur Zustimmung sind. Deutlich abgelehnt wird die Vorlage von der SVP – und zwar von Männern und Frauen.

Angesichts der unterschiedlichen Positionen von Frauen und Männern bei CVP und FDP stellt sich die Frage, ob oder in welchem Ausmass die «Geschlechterfrage» die aktuellen internen Richtungskämpfe der beiden Parteien prägt. Mit den hier vorliegenden Daten können diesbezüglich keine abschliessenden Aussagen gemacht werden, den Wählerinnen und Wählern der CVP und FDP kann aber eine Faustregel mit auf den Weg gegeben werden: Wer es gerne etwas linksgerichteter, ökologischer und liberaler mag, sollte die Frauen dieser Parteien bevorzugen.

Grösseres Herz für Umweltschutz

Auch die übrigen 50 Fragen des «smartvote»-Fragebogens wurden auf allfällige geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Antworten hin untersucht. Dabei fällt auf, dass der überwiegende Teil der Geschlechterdifferenzen allein bei den bürgerlichen Parteien auftritt. Im links-grünen Lager besteht lediglich bei einer einzigen Frage ein nennenswerter geschlechtsspezifischer Unterschied: Die Ablehnung einer Kürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes fällt bei den grünen Frauen viel deutlicher aus als bei den GP-Männern. Insgesamt konnten bei zehn Fragen bei mindestens einer Partei grössere Unter schiede zwischen Frauen und Männern festgestellt werden. Darin ein einheitliches Muster zu erkennen, fällt indessen schwer. Einige grobe Trends und einzelne interessante Aspekte lassen sich dennoch herauspicken. So scheint es, dass die Frauen – auch und vor allem die bürgerlichen Frauen – für einen stärkeren Umweltschutz eintreten (zum Beispiel sind sie für die Beibehaltung des Verbandsbeschwerderechts, gegen eine zweite Gotthardröhre und mit Ausnahme der FDP-Frauen für ein Gentech-Moratorium in der Landwirtschaft).

Auch vertreten sie ein etwas liberaleres Gesellschaftsbild als die Männer: Sie unterstützen die Bestrebungen, die gleichgeschlechtliche Partnerschaft der Ehe anzugleichen (mit Ausnahme der SVP-Frauen), sind gegenüber der Einführung des Ausländerstimmrechtes auf Gemeindeebene positiver eingestellt und beurteilen den Vorschlag, den Anteil fremdsprachiger Kinder in Schulen zu begrenzen, wesentlich kritischer als die Männer.

Ausserdem: Würde es allein nach den Frauen gehen, so würden zwei typischen «Männerdomänen» striktere Regulierungen drohen: nämlich dem Autofahren und dem Schiesswesen. Einem Verbot des privaten Schusswaffenbesitzes stehen lediglich die SVP-Frauen deutlich ablehnend gegenüber, die übrigen Kandidatinnen sind in dieser Frage zumindest unentschieden oder sogar deutlich positiv eingestellt. Grosse Einigkeit bei allen Frauen herrscht bei der Ansicht, dass die Einhaltung der Strassenverkehrsvorschriften häufiger kontrolliert und Verstösse strenger geahndet werden sollten. Bei den Männern stösst dieser Vorschlag auf wenig Gegenliebe. Offenbar sind den Frauen bewaffnete Männer und Männer am Steuer nicht ganz geheuer.

Zu den Autoren:

Daniel Schwarz ist Politikwissenschaftler in Bern.
Jan Fivaz studiert Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Bern. Im Rahmen des Forschungsnetzwerks «politools» arbeiten sie an der Weiterentwicklung der Online-Wahlhilfe «smartvote».