Im kommenden Herbst stehen wieder eidgenössischen Wahlen an. Rund 3’000 Personen werden für einen Parlamentssitz kandidieren und etwa 4.5 Millionen Stimmberechtigte sind aufgefordert zu wählen. Die Arbeitsgruppe smartvote und die Firma MySign lancieren die gemeinsame Internetwahlplattform smartvote.ch / kandidaten.ch.

Das Internet hat bisher bei Wahlen in der Schweiz stets eine untergeordnete Rolle gespielt. Auch bei diesen Wahlen werden sicherlich die „alten“ Medien noch immer im Mittelpunkt stehen. Dennoch bietet das Internet eine Reihe von Vorteilen. So können Informationen zu allen Kandidierenden und Parteien auf sehr einfache Art und Weise nachgeschlagen werden. Bereits bei den Wahlen 1999 gab es Projekte wie z.B. die Plattform kandidaten.ch, die die persönlichen Profile einer Vielzahl von Kandidierenden in Datenbanken speicherten und auf Abruf anzeigten. Die smartvote Wahlhilfe geht jedoch noch einen Schritt weiter.

Kandidierende nach Mass und per Mausklick

Für diese Wahlen hat sich ein Team von Wissenschaftlern der Universitäten Bern, Fribourg, Zürich und Linz (A) das Projekt smartvote ins Leben gerufen. Beabsichtigt ist, möglichst alle Kandidierenden der Deutschen und Französischen Schweiz in einer Datenbank zu erfassen, um sie dann auch miteinander vergleichen zu können.

Die Kandidierenden können sich auf der Webseite registrieren, um sich den WählerInnen zu präsentieren. Neben den persönlichen Angaben müssen sie zusätzlich einen Fragenkatalog ausfüllen, der aus 70 politischen Fragen besteht. Der Fragebogen deckt alle wichtigen Themen der Gegenwart sowie der nahen Zukunft ab. So müssen die Kandidierenden zu Fragen wie „Befürworten Sie eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre?“ oder „Befürworten Sie die Möglichkeit der Patentierung menschlicher Gene?“ Stellung nehmen. Wählerinnen und Wähler können die gleichen Fragen beantworten (alle oder auch nur einen Teil davon). Die smartvote Wahlhilfe errechnet daraufhin eine Topliste mit denjenigen Kandierenden, die den politischen Einstellungen und Werten der jeweiligen Wählerin oder des jeweiligen Wählers am ähnlichsten sind und empfiehlt diese zur Wahl. Diese Wahlempfehlung kann für jeden Kanton sowohl für die Nationalrats- als auch für die Ständeratswahl und sogar – anhand der aggregierten Antworten der registrierten Kandidierenden einer Liste – für die Auswahl der auszuwählenden Liste errechnet werden. Anschliessend kann diese Topliste noch nach eigenen Kriterien weiter bearbeitet werden.

Das Prinzip ist einfach, der administrative Aufwand aber gross. Müssen doch z.B., damit eine seriöse Auswahl möglich ist, rund 300 Kantonalparteien und politische Gruppierungen und nicht zuletzt die rund 3’000 Kandidierenden von einer Teilnahme überzeugt werden.

Um diesen Aufwand bewältigen zu können, hat sich die Arbeitsgruppe smartvote mit der Webdesign-Firma MySign aus Aarau zusammengetan. MySign hat bereits bei den Wahlen 1999 die Plattform www.kandidaten.ch angeboten und so konnte auf beträchtliche Erfahrungswerte zurückgegriffen werden. Durch das Zusammengehen konnten nicht nur im administrativen sondern auch im technischen Bereich grosse Synergien genutzt werden.

Seit dem 1. Juli können sich nun die Kandidierenden unter www.smartvote.ch oder www.kandidaten.ch registrieren. Für eine einmalige Grundgebühr von 90.- können die Kandidierenden ein persönliches und politisches Profil erstellen und – gegen einen Aufpreis – sogar eine eigene Webseite gestalten. Sie haben auch die Möglichkeit eigene Dokumente, wie Reden oder Positionspapiere zum Download zur Verfügung zu stellen oder auf eigene Webseiten zu verweisen.

Um den administrativen Aufwand zu verringern, können sich auch ganze Listen pauschal zu einem günstigeren Preis anmelden. Davon haben bereits rund 50 Listen Gebrauch gemacht. Insgesamt haben bereits rund 700 Kandidierende eine Registrierung beantragt. Dies ist erfreulich, doch bei Weitem noch nicht ausreichend. Je mehr Kandidierende mitmachen, umso besser funktioniert die Wahlempfehlung und umso transparenter wird der Wahlkampf 2003.

Für Wählerinnen und Wähler ab August interessant

Für die Wählerinnen und Wähler wird es erst ab Spätsommer richtig spannend. Dann wird eine grössere Anzahl an Kandidierenden in der Datenbank erfasst sein, die dann mit Hilfe des Fragebogens unter die Lupe genommen werden können.

Der Fragenkatalog

Der Fragebogen ist wissenschaftlich fundiert und versucht möglichst alle aktuellen Themenstellungen abzudecken. Zudem wurde streng darauf geachtet, dass er von allen politischen Richtungen als ausgewogen erachtet wird. Eine weitere Vorgabe war, dass auch Fragen gestellt werden, die nicht nur die Mitteparteien, sondern auch die Parteien am linken und am rechten Flügel spalten.

Die myvote Online Wahl

Ein weiteres Tool im Angebot der Plattform ist die „myvote Onlinewahl“. Mit diesem Instrument können Wählerinnen und Wähler an einer virtuellen Wahl teilnehmen. Man wählt einen Kanton und danach eine Liste aus, kann dann panaschieren und kumulieren und stellt so seine persönliche Liste zusammen, die dann gespeichert und gegebenenfalls ausgedruckt werden kann.

Analysen & Statistiken

Ein weiterer Schwerpunkt von smartvote.ch / kandidaten.ch sind verschiedene Analysen und Statistiken, die angeboten werden. Eine Art der Analyse ist der sogenannte smartspider. Von zwei Geografen der Universität Zürich entwickelt, ermöglicht der smartspider den Wählerinnen und Wählern die eigenen politischen Werte als Karte dargestellt mit denjenigen der Kandidierenden zu vergleichen. Weitere Auswertungen werden sich darauf beziehen, welche Listen und Kandidierenden am häufigsten empfohlen und gewählt werden. Schliesslich können auch die verschiedenen Listen bezüglich ihrer politischen Ausrichtung miteinander verglichen werden – sowohl interkantonal als auch innerkantonal.

Mit smartvote.ch / kandidaten.ch ist eine Webseite entstanden, die den Kandidierenden und auch den Wählerinnen und Wählern vollkommen neue Dienstleistungen anbietet und die aufzeigen möchte, wie die Möglichkeiten des Internets im Zusammenhang mit dem E-Voting in einem wirklich modernen Sinn genutzt werden könnten. Mitmachen ist alles! Für Kandidierende ab sofort und für die Wählerinnen und Wähler ab August.



 
Zum Autor:
 
Albert Waaijenberg, Smartvote, 10.07.2003
[email protected]